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Donauwiese

Auch ein „Nichts“ hat in Wien seinen Reiz

Matthias Marschik: „Die Donauwiese. Das Inundationsgebiet“, Edition Winkler-Hermaden, 120 S., 21,90 Euro
Matthias Marschik: „Die Donauwiese. Das Inundationsgebiet“, Edition Winkler-Hermaden, 120 S., 21,90 Euro(c) Edition Winkler-Hermaden
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Hundert Jahre lang schützte das Überschwemmungsgebiet Wien.

Exakt 474,5 Meter breit, ein unbebauter Wiesenstreifen entlang der Donau: Das Überschwemmungsgebiet, nobler Inundationsgebiet genannt. Nichts war langweiliger, erinnert sich Buchautor Matthias Marschik an seine Kindheit, als ein Sonntagsspaziergang „in diesem Nichts“. Denn außer ein paar armseligen Getränkestandln und vereinzelten Fischerhütten war dort eben absichtlich – nichts.

 

Die „Gstätten“

Entstanden war diese 13 Kilometer lange „Gstätten“ 1875 im Zuge der Donauregulierung, als neben dem Donaubett ein Wiesenstreifen angelegt wurde, der bei Hochwasser die zusätzlichen Wassermassen aufnahm. So entstanden der heutige Donaulauf, die Alte Donau (einst der Hauptarm) und viele, teilweise verschwundene Nebenarme wie die einst wilde Schwarze Lacke. Meist mehrmals jährlich wurden die Wiesen überschwemmt, im Winter staute sich das Eis.

Fast immer in den hundert Jahren ihres Bestehens hat diese „Donauwiese“ ihren Zweck erfüllt, bis Anfang der 1970er-Jahre eine bessere Idee kam. Der Plan der heutigen Donauinsel entstand, also die Schaffung eines zweiten parallelen Gerinnes mit einer Erdaufschüttung in der Mitte. 1988 war man damit fertig. Nach 15 Jahren. Genial einfach, daher war auch die Wiener ÖVP strikt dagegen . . .

Für viele war die Donauwiese nur eine lästige Distanz, die es zu bewältigen galt, um hinüber nach Floridsdorf zu gelangen, andere nutzten sie schon in der Zwischenkriegszeit als Naherholungsgebiet, ungeschönt, natürlich, einfach so, wie sie war – ursprünglich. Und man konnte sie mit der Tramway erreichen. Wer besaß damals schon ein Auto?

Marschik: „Die Menschen gingen dort wandern, baden oder im Winter eislaufen, fuhren Rad, ließen Drachen steigen und spielten Fußball. Sie labten sich an mitgebrachten Speisen oder – wer es sich leisten konnte – bei den zahlreichen Schutzhütten. Die stehenden, zum Teil mit der Donau verbundenen Gewässer waren als hervorragende Fischreviere bekannt. Ebenso galt das Gebiet wegen der zahlreichen Hasen, Fasane und Rebhühner als Niederwildrevier. Abends und nachts wurde die Donauwiese zum erotischen und gefährlichen Ort. Hier wurden nicht nur Kinder gezeugt, sondern auch Selbstmorde verübt, sie war ein Ort für Prostitution und Verbrechen, für Alkoholismus und Schleichhandel.“

 

Flugversuch in Kaisermühlen

Eine weitere frühe Episode: „Das Überschwemmungsgebiet ist die Wiege der Aviatik in Wien“, schreibt Marschik. „Auf der Donauwiese nahe Kaisermühlen startete im Mai 1909 zum ersten Mal in Wien ein Mensch mit einer Flugmaschine. Wegen der holprigen Piste verweigerte der französische Pilot Georges Legagneux anfangs zwar den Start, als die aus Zehntausenden Zahlenden bestehende schaulustige Menge jedoch eine drohende Haltung einnahm, absolvierte er einen kurzen Versuch.“ Ob das Vehikel wenigstens für Sekunden abhob, blieb danach eine Streitfrage.
Was das Buch so besonders macht: das profunde Wissen des Autors. Und die vielen großartigen Bilder, die Marschik in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen hat. Es sind nicht die bekannten Postkarten, sondern teilweise unbekannte, höchst amüsante Schnappschüsse aus dem prallen Leben einfacher Menschen. Die es nie gern hörten, wenn man von „Transdanubien“ redete.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2020)