Schnellauswahl
Unterwegs

My home is my castle. Leider.

Das monotone Schlagen klingt immer gleich, bumm bumm bumm.
Das monotone Schlagen klingt immer gleich, bumm bumm bumm.(c) imago/Martin Bäuml Fotodesign
  • Drucken
  • Kommentieren

Was man über seine Nachbarn nie wissen wollte, erfährt man nun garantiert.

Dass Reisen tatsächlich bildet, ist dank der Corona-Zwangsmaßnahmen nun bewiesen. Nichts macht uns dümmer als der gegenwärtige Hausarrest. All jene, die nun behaupten, ihre Eremitage zum Tempel der Belesenheit und Kulturbeflissenheit zu verwandeln, werden erst beweisen müssen, ob sie wirklich sieben Fremdsprachen (darunter Aramäisch und Georgisch), Stricken für Linkshänder und Kugelfisch auf Japanisch perfekt zuzubereiten gelernt haben.

Für uns etwas einfacher gestrickte Gemüter ist die Herausforderung größer. Irgendwann hat man die letzte Netflix-Serie geschaut, selbst den Erbonkel auf den Kanarischen Inseln ruft man schon ein bisschen zu regelmäßig an, und noch nie war die Playlist auf Spotify feiner geordnet. Dann kommt der Moment der Wahrheit: Wenn man seine Nachbarn kennenlernt. Nicht direkt, behüte! Aber man hört, dass im Erdgeschoß jeden Tag nach Mittag jemand einen Hammer nimmt und, ja, hämmert. Das monotone Schlagen klingt immer gleich, bumm bumm bumm. Es wird kein Nagel in die Wand und kein Pflock in die Erde getrieben. Es wird nur gehämmert. Vielleicht ist's ein beurlaubter Schlagzeuger mit Entzugserscheinungen.

Später gibt es bei den Nachbarn Bewegung. Ihr Markenzeichen ist, die Tür so ins Schloss donnern zu lassen, dass das Haus wackelt. Worauf das Baby einen Stock tiefer aufschreckt und in sirenenhaftes Heulen verfällt. Was auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Nachbarshund mit nettem Heulen begleitet. Und weil's nun Abend wird, mischt sich in die Geräuschsonate ein Geruchspotpourri, das nicht nur Hunger, sondern vor allem Fernweh weckt.

aussenpolitik@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2020)