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Buchbesprechung

„Whisper Network“: Warnung vor dem Chef

Die Juristin Chandler Baker hat selbst auch von Flüsternetzwerken profitiert.
Die Juristin Chandler Baker hat selbst auch von Flüsternetzwerken profitiert. (c) Eryn Chandler
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Mit „Whisper Network“ hat die Anwältin Chandler Baker einen satirischen Thriller über das sexuelle Minenfeld am Arbeitsplatz geschrieben, der auch Frauen in die Pflicht nimmt.

Den CEO eines Sportbekleidungsunternehmens ereilt ein Herzinfarkt. Drei Wochen später stürzt sein wahrscheinlicher Nachfolger Ames Garrett vom Balkon der Firmenzentrale in Dallas. Was dazwischen passiert, das wird in „Whisper Network“ aufgerollt.

Der „Tag, an dem es begann“, war ein 20. März. „Vor jenem Tag raste unser Leben auf einem unsichtbaren Achterbahngleis vor sich hin, wie ein Wagen, den Mechanismen und Kräfte auf Schienen hielten, die wir nicht ganz durchschauten, trotz unserer Überfülle an akademischen Abschlüssen“, heißt es im Prolog. Wem diese Erzählstimme gehört, bleibt rätselhaft. Sicher ist: Es ist eine Frau, die vom „Wir“ berichtet.

Zu diesem „Wir“ gehört Sloane Glover, die mit Ames, dem Chef der Rechtsabteilung, vor Jahren eine Affäre hatte. Oder Ardie Valdez, die sich „wie viele von uns“ mit Perfektionismus angesteckt hat, „einer Krankheit, die, wie es hieß, bei Frauen ungefähr zwanzigmal so häufig vorkam. Soweit wir wussten, wurde sie durch soziale Medien und an der Supermarktkasse ausgelegte Hochglanzmagazine übertragen.“ Oder Grace Stanton, erstaunlich schwarzhumorig für ihre „toupierte, wasserstoffblonde Frisur“ und seit Kurzem erschöpfte Mutter, die den Büroraum, in dem sie tagsüber Milch abpumpt, für heimliche Nickerchen nutzt (an der Tür klebt ein Magnet in Form einer Kuh).

Liste übergriffiger Männer. Sie alle haben „Lean In“ von Facebook-Chefin Sheryl Sandberg gelesen („während wir Strähnchen gemacht bekamen“ oder als Hörbuch im Land Rover auf der Autobahn) – „um uns vor Augen zu führen, dass wir nicht genug Geld verdienten oder nicht schnell genug aufstiegen oder unsere Ellbogen nicht weit genug ausfuhren“. So ist die Lage, als der selbstgerechte Ames, der eine neue Kollegin ins Auge gefasst hat, der neue Oberboss zu werden droht. Da kommt es nicht ganz so ungelegen, dass gerade eine Namensliste kursiert, die Frauen vor übergriffigen Männern warnt.

In den USA spricht man in so einem Fall von „Whisper Networks“: Wo offizielle Beschwerden versanden, stellt weibliche Selbsthilfe männliche Raubtiere an den digitalen Pranger. Es gab eine „Shitty Media Men list“, eine „California State Capitol list“, ein „Harvey Weinstein Google doc.“. Chandler Baker kennt sie, sie kennt auch die Tricks der Firmen und ihrer Anwälte, als Juristin hat sie selbst bei einer großen Sportfirma in Dallas gearbeitet.

Ihr Roman stand auf der Bestsellerliste der „New York Times“, wurde als #MeToo-Roman gelobt. Doch auch wenn Baker akkurat die vielen Mechanismen beschreibt, die zuungunsten der Frauen in Unternehmen und Gesellschaft am Werk sind – der Verdienst ihres Romans ist ein anderer: Sie hält Frauen damit auch einen Spiegel vor.

Frauen in der Falle. Die Welt, die Baker mit böser Ironie beschreibt, ist eine US-amerikanische, in der Frauen noch ein wenig netter, braver, hübscher sein müssen (oder glauben, sein zu müssen?). Eine Welt, in der sie ihre Stimmen verstellen und extra früh aufstehen, um sich die Haare zu machen (oder in der man andernfalls zumindest das richtige Trockenshampoo zu kennen hat). Ihre Protagonistinnen wissen um die Fallen und tappen trotzdem hinein, sie sind von Ehrgeiz getrieben, der vom Gehaltszettel bis zum Kindergeburtstag reicht, und urteilen einander anhand ihrer Ferragamos ab.

Vorgehalten wurde Baker in einer Kritik, ihr Roman zeige eine weiße, privilegierte Version von #MeToo. Dabei erzählt sie anhand der Putzfrau Rosalita Guillen noch von einer anderen Facette. Von ihr erfahren wir allerdings deutlich weniger. Nachlässigkeit der Autorin? Oder Abbild der Realität?

Sie selbst, schreibt Baker in einer Anmerkung, habe im Lauf der Jahre mehrmals von Flüsternetzwerken profitiert. Und es sei quasi ein Flüsternetzwerk gewesen, dass ihr all die Erfahrungen zugetragen habe, die sich zur „Wir“-Erzählerin des Romans verdichtet haben, „einem Mittel, um über die Erfahrungen als berufstätige Frau zu sprechen“. Letztlich zeigt Baker ein böses Spiel, das Frauen wider besseres Wissen mitspielen. Wie man aussteigt, ohne zu kündigen, bleibt die Frage.

(c) Heyne Verlag

Neu Erschienen

Chandler Baker: „Whisper Network“

Übersetzt von Astrid Finke, Heyne Verlag, 480 Seiten, 20,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2020)