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Blog: „Mein Hund hatte 100 Leser pro Tag“

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(c) APA (Helmut Fohringer)
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Ein neues Geschäftsmodell fürs Netz? Fünf Dollar kann man Cynthia Typaldos' Onlineplattform geben, und sie verteilt es an des Users Lieblingswebsites.

„Die Presse“: Sie haben ein Geschäftsmodell fürs Web erfunden – wie kamen Sie darauf?

Cynthia Typaldos: Meine beste Freundin hatte einen Gehirntumor, sie ist Argentinierin und spricht nicht sehr gut Englisch. Sie bat mich, mich im Web umzusehen. Ich fand teils sehr gute Informationen und wollte mich bei den Websites – Blogs von Krebspatienten, Medizin-Unis, Non-Profit-Organisationen – bedanken, einfach 100Dollar in die Hand nehmen und sie verteilen. Aber das ging nicht. Also dachte ich: Es sollte eine Möglichkeit geben, seine Dankbarkeit für gute, seriöse Information auszudrücken.

 

Jeder User kann im Monat fünf Dollar an Ihre Onlineplattform „Kachingle“ überweisen, und Sie verteilen das Geld an alle (bei Kachingle registrierten) Websites, die der User besucht. Funktioniert das nur für Medien?

Typaldos: Nein. Ich habe einen Hund, Bunny, unser Maskottchen. Davor hatte ich einen Deutschen Schäfer, einen Rettungshund: Er bloggte jeden Tag, ich hab ihm dabei geholfen. Albern, ich weiß (lacht). Die Leute wollten ihm Geld geben, er hatte ca. 100 Leser am Tag – nicht schlecht für einen Hund. Auch Bunny bloggt jetzt, und was er via Kachingle verdient, geht an die Tierschutzorganisation Humane Society. Hunde- und Katzenblogs sind wahnsinnig populär in den USA...

Kachingle sitzt in Kalifornien – warum kommen Sie nach Europa, ausgerechnet nach Wien?

Typaldos: Es ist wirklich interessant: Österreich, die Schweiz und Deutschland sind die Early Adopters unseres Modells (lacht). Keiner weiß, warum. In den USA haben wir zwar mehr teilnehmende Seiten, aber hier wachsen die Zahlen viel schneller.

 

Wie kamen Sie auf den Namen Kachingle?

Typaldos: Der ist mir im Flugzeug eingefallen und ich konnte die Landung kaum erwarten, um nachzuschauen, ob der Name schon belegt ist. Im Englischen steht „kaching!“ für das Geräusch, das alte Registrierkassen machen, „jingle“ für klimpernde Münzen.

Wie viele Leute arbeiten für Sie?

Typaldos: Zwölf Personen, sechs davon sind „Seniors“: ein Franzose, zwei Amerikaner, drei Deutsche. Als ich in Silicon Valley dabei war, mein Team zusammenzustellen, waren die Deutschen die Einzigen, die die Idee gut fanden, freiwillig für Gratis-Websites zu bezahlen (lacht). Andere fanden das lächerlich.

 

Dabei basiert die US-Bezahlkultur für Medien auf Freiwilligkeit: Z.B. PBS sammelt „Spenden“, in Europa zahlen wir hingegen eine Art Steuer.

Typaldos: Ich kann mir darauf auch keinen Reim machen. Aber bei Deutschen und Franzosen hat die Idee Anklang gefunden.

 

Glauben Sie, dass auch etablierte Zeitungen das Angebot annehmen werden?

Typaldos: Ich habe das Modell für den User entworfen: Der markiert die Seiten, die er mag – egal, ob die Artikel, Musik, Videos oder Software bieten. Andererseits habe ich mit vielen Zeitungen gesprochen – u.a. mit der „New York Times“, „Sun“. Die haben uns angerufen; sie wissen nicht, auf welches Geschäftsmodell sie online setzen sollen. Wir haben ihnen unseres präsentiert, es hat ihnen gefallen. Bloß: Die meisten planen nun ein Bezahlmodell. Das ist der Todeskuss. Damit schneidet man sich vom Mainstream ab.

 

Was ist der Unterschied zu Kachingle?

Typaldos: Man bekommt etwas Zusätzliches: Konsumenten können mithilfe der Seiten, die sie schätzen, zeigen, wer sie sind. Viele neue Services setzen darauf. Haben Sie von Blippy gehört? Sie geben denen Ihre Kreditkartennummer, und es spuckt eine Liste aller Dinge aus, die Sie kaufen. Ihre Freunde können das kommentieren. Verrückt, oder? Statt dieses „Ich bin, was ich kaufe“ heißt es bei Kachingle: „Ich bin, was ich unterstütze.“

 

Was ist Ihre Strategie für Kachingle?

Typaldos: Es muss zu einer sozialen Norm werden. Die Leute folgen Vorbildern. Eine Studie in New York hat gezeigt: Leute geben einem Straßenmusiker viel eher Geld, wenn auch ein anderer Passant ihm etwas ins Körberl wirft – dadurch steigerte der sein Tagesergebnis um 800Prozent! Und die Menschen bemerkten nicht, dass sie unbewusst vom Verhalten anderer beeinflusst wurden. In Kalifornien gehört man zu den Parias, wenn man raucht. Soziale Normen üben Druck aus.

 

Warum kann man nur fünf Dollar spenden?

Typaldos: Auch hier zitiere ich eine Studie: Es gab Marmeladetests. Die Testpersonen wurden erst mit zehn, dann mit 25 verschiedenen Sorten konfrontiert. Und? Die Leute fühlten sich überfordert. Sie kauften mehr, wenn es weniger Auswahl gab. Man muss wissen, was sie nachfragen. Deshalb sind es auch bei uns einfach fünf Dollar für jeden.

 

Das klingt ja fast sozialistisch, was in den USA praktisch ein Schimpfwort ist...

Typaldos: Das ist lustig: 2008 präsentierte ich Kachingle zum ersten Mal, und ein Zeitungsmanager sagte danach abschätzig zu mir: „Das ist doch sozialistisch, Cynthia!“ (lacht) Ich verstehe das nicht wirklich...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2010)