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Pop

Arcade Fire: Die Langeweile der Vorstädte

Arcade Fire Langeweile Vorstaedte
(c) Universal

Arcade Fire präsentierten ihr drittes Album „The Suburbs“ in Helsinki. Die „Presse“ lauschte dem neuen Sound und sprach mit dem Bassisten Tim Kingsbury.

Bislang waren ihre Songs stets übervoll mit Affekten, korrespondierte lyrischer Überschwang mit ekstatischen Falsettgesängen. Schwindelerregend gekratzte Violinen, wild gepeitsche Gitarren, trunkene Cellos, Orgeln, Harfen und so manches Xylofon begleiteten die leicht hysterischen Stimmen von Win Butler und Régine Chassagne, den beiden Köpfen der aus dem kanadischen Montreal stammenden Band. Vor zehn Jahren traten sie mit ihrem mondsüchtigen Album „Funeral“ erstmals an die Öffentlichkeit.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich bei den Protagonisten ein beträchtliches Sümmchen an Verwirrung, Zorn und Verzweiflung angesammelt, das damals höchst opulent ausagiert wurde. Régine Chassagne klang wie eine Nonne im Absinthrausch, Win Butler, als hätte er eben Helium inhaliert. In den Arcade-Fire-Songs trafen einander Hysterie und Ekstase, düstere New-Wave-Partikel und bunter Glamrock. Beim zweiten Album, dem großorchestralen „Neon Bible“ mischten sich Indierock und Broadway-Pathos noch viel unverschämter. „Mirror mirror on the wall“ flehte der leicht entrückte Win Butler, „show me where the bombs will fall.“ Existenzielle Unerfreulichkeiten wurden hier nicht mehr magisch umgedeutet. Stattdessen konfrontierte man sich tapfer mit mannigfaltigen Ängsten und befand: „Heaven is only in my head.“

 

Als die Liebe noch romantisch war

Inmitten all des musikalischen Prunks brachen Arcade Fire eine Lanze für gesellschaftlichen Pragmatismus. Jetzt, beim erst dritten Album in zehn Jahren, überraschen Arcade Fire abermals: Die unversöhnlichen Gegensätze in ihrer Musik sind abgeschliffen, der lyrische Überschwang ist erstaunlich wertkonservativen Inhalten gewichen. In der ersten Single „We Used To Wait“ wird von jenen Tagen geschwärmt, in denen Kommunikation mit der Liebsten noch mit viel Warten verbunden war.

Zu leicht nervenzerfetzendem Piano erläutert Butler: „Ooo we used to wait, sometimes it never came, still moving through the pain.“ Ja, ohne Short Text Messages war die Liebe halt noch romantisch. Dennoch gibt sich Butler nicht ganz ohne Hoffnung. Kurz vor einem gewaltigen Crescendo, quetscht sich seine Stimme ein „I hope something pure can last“ heraus.

Am Vorabend eines rauschenden Arcade-Fire-Open-Air-Konzerts am Senaatintori in Helsinki reagierte Bassist Tim Kingsbury auf die Frage, wo denn der Fortschritt liege, der mit dem erstaunlich nüchternen Album „The Suburbs“ erzielt würde, ein bisschen trotzig: „Diesmal wollten wir es arrangementmäßig wieder abgespeckt angehen. Aber das soll nichts für die Zukunft heißen. Wie sich unser viertes Album anhören wird, ist gänzlich ungewiss.“

Die Reize des neuen „The Suburbs“, das eine Art Konzeptalbum zum Thema „Leben in der Vorstadt“ ist, liegen jedenfalls nicht an der Oberfläche. Statt Pomp regiert nun eine neue Stromlinienförmigkeit, statt vollmundigem Liebespathos dominieren Zweifel. Der Titelsong „The Suburbs“ ist das, was man in der angelsächsischen Popwelt einen „Grower“ nennt, ein zunächst blasses Lied, dessen Liebreiz sich erst nach einigen Hördurchgängen offenbart. „Sometimes I can't believe it, I'm moving past the feeling“, raunt Butler zu einer zunächst unauffälligen Melodie, die sich am Ende als unwiderstehlich erweist. Die mittelständische Jugend in den Suburbs wird von Erlebnisstillstand und exzessivem Medienkonsum dominiert. Fadesse wird zum Schlüsselerlebnis: „But by the time, when the first bombs fell, we were already bored.“ Das dazugehörige Video führt in Heile-Welt-Inszenierungen der 50er-Jahre, als permanenter Fortschritt noch denkbar war. Antiquierten Zukunftsvorstellungen wird mit viel Nostalgie gehuldigt.

Ein ähnliches Szenario herrscht im hübschen Song „Modern Man“. Was meinen Arcade Fire mit „modern“? Kingsbury ruckelt nervös am Stuhl: „Das Moderne ist das Anonymisierte. Gesellschaftlichen Fortschritt gibt es nicht ohne individuelles Leid, ohne zumindest teilweise Auslöschung des Individuellen.“ Der Topos der Langeweile wird immer wieder bemüht. So auch im stimmungsvollen „Wasted Hours“. Kingsbury spricht aus Erfahrung: „Dieses Lied handelt von der Fadesse, die in den Suburbs zwangsläufig aufkommt. Da hängt man dann rum oder bringt sich ein wenig in Gefahr. Diese Ziellosigkeit der Suburbs-Jugend ist ein Phänomen der Mittelklasse.“ Zu der bekannte sich Frontmann Win Butler kürzlich im kanadischen Fernsehen: „Es ist, wie es ist. Ich hätte schwer vorgeben können, eine raue Kindheit im Ghetto erlebt zu haben.“

 

Gehaltvolle Schonkost

Zu dieser mittelständischen Seelenruhe passt, dass Arcade Fire mit dem dritten Album selbstbewusst leiser treten. An die Stelle überlebensgroßer Emotionen kamen mildere Passionen. Statt karamelisiertem Orchesterpop liefern Arcade Fire nun, trotz eines verstörend pulsierenden Songs wie „Month Of May“, größtenteils gehaltvolle Schonkost, die ohne Vieldeutigkeiten auskommt. Arcade Fire wünschen sich für ihr neues Opus liebende Hörer. Tim Kingsbury: „Wir stemmen uns gegen den Trend, dass sich alle nur mehr die Rosinen herauspicken und den Rest liegen lassen. Es ist total oberflächlich, alles, was nicht sofort kickt, fallen zu lassen. Die Reize unserer neuen Songs sind bewusst nicht sofort erkennbar. Man muss sich schon ein wenig um sie bemühen.“ Der Kontakt mit den Fans ist Arcade Fire immer noch sehr heilig. Kingsbury: „Wir sind auf der Bühne nie auf Autopilot. Menschen mit Songs Freude zu schenken, berührt uns sehr. Bei Konzerten lesen wir in den Gesichtern unserer Fans.“

Zur Band

Arcarde Fire wurde 2001 vom Ehepaar Régine Chassagne und Win Butler im kanadischen Montreal gegründet. Die aus Texas stammenden Multiinstrumentalisten versammelten weitere fünf Musiker um sich und lockten 2004 auf dem Debüt „Funeral“ in selten gehörter Opulenz. Die Fachpresse bescheinigte ihnen sofort „a very modern sense of unease“.

2007 potenzierte sich der Jubel mit dem Erscheinen des großorchestralen Meisterwerks „Neon Bible“.

Am 2. August veröffentlichen sie ihr drittes Opus „The Suburbs“. Im leicht geschraubten Song „Rococo“ geben sie die Losung vor: „Let's go downtown and watch the modern kids.“ Die 16 neuen, konventioneller gebauten Songs berichten über Seelenqualen von Mittelstandsjugendlichen. Ungewohnte Luftigkeit macht sich in den arrangementmäßig abgemagerten Songs breit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2010)