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Hitze in Wien: U-Bahn-Stau, Stromausfälle und 33 Grad

(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)
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Stehende Züge, verirrte Touristen und ein überfordertes Stromnetz vermischten sich am Donnerstag zu einem südländisch-großstädtischen, fast liebenswerten Chaos. Dabei ist die Hitze angeblich gar nicht schuld.

Wien (awe/duö/j.s.). „Bitte bewahren Sie Ruhe.“ Jenen U-Bahn-Fahrer, der am Donnerstagvormittag in der U3-Station Zieglergasse versuchte, die in seinem Zug eingeschlossenen Gäste zu beruhigen, hätten eigentlich mehr Wiener hören sollen. Wenngleich es die Mehrheit trotz Temperaturen jenseits der 30 Grad gelassen nahm: Anstatt „Zug fährt ab“ tönten Ausfallsmeldungen und Hinweise auf den Ersatzverkehr aus den Lautsprechern. Manche Fahrgäste waren aufgebracht, Touristen irrten durch die Stadt, Schweiß floss in Strömen. Wer zu Hause blieb, hatte es auch nicht leichter: Tausende Haushalte waren aufgrund überlasteter Netze ohne Strom. Die Stadt versank in einem südländisch-großstädtischen, mancherorts gar liebenswerten Chaos. Ja, so ist das im Sommer. Auch in Wien.

Jene, die davon direkt betroffen waren, nahmen es nicht nur mit Humor. „Als das Licht ausging und die Türen zu blieben, wurde mir schon kurz mulmig“, erzählte einer der Fahrgäste vom Schauplatz Zieglergasse. Doch nicht nur ihm wurde heiß. Auf dem Bahnsteig halfen Männer in Anzug und Krawatte, die blockierten Türen für eingeschlossene Mütter mit ihren Kinderwagen händisch zu öffnen. Großstadt pur, sozusagen.

U4: Man spricht Deutsch

Wirklich heiß ging es aber anderswo her. Ein Defekt in der Nähe der Station Längenfeldgasse sorgte auf der Linie U4 und allen Ausweichrouten seit dem Mittwochabend für rote Köpfe bei Fahrgästen und Mitarbeitern der Wiener Linien. Ein Zug hatte mit seinem Stromabnehmer die Stromschiene so schwer beschädigt, dass die Verbindung zwischen Meidlinger Hauptstraße und Karlsplatz zur Gänze eingestellt werden musste. Der Schienenersatzverkehr war rasch eingerichtet – und am Donnerstagmorgen trotz Ferien mit dem Berufsverkehr überfordert. So wie auch viele Touristen, die die ausschließlich deutschen Durchsagen nicht verstanden und verloren die betroffenen Stationen bevölkerten. Immerhin: Außenteams der Wiener Linien verteilten Wasser und gaben – soweit möglich – in englischer Sprache Auskunft.

Auch auf der Ausweichlinie U6 beklagten Fahrgäste überhitzte und überfüllte Züge. Und: Wer gegen 9.30 Uhr die U1 benutzen wollte, musste ebenfalls warten. Dort blockierte ein schadhafter Zug die Station Südtiroler Platz. Alles Zufall?

Zumindest die Wiener Linien betrachten die Zwischenfälle als eine Aneinanderreihung unglücklicher Umstände. „Mit der Hitze hat das nichts zu tun“, sagt Sprecher Dominik Gries. Kurz vor 18 Uhr nahm die U4 schließlich wieder den Vollbetrieb auf.

16.000 Haushalte ohne Strom

Auch in vielen Wiener Haushalten ging es während der vergangenen Tage heiß her. Aufgrund von Stromausfällen legten Klimaanlagen und Kühlschränke die Arbeit nieder. Da wurde nicht nur die Milch sauer. Betroffen waren die Bezirke Wieden und Margareten. Auch am Montag in Favoriten und am Dienstag in Penzing ging in manchen Grätzeln nichts mehr. Laut Wien Energie sind an der Hälfte aller Ausfälle Bauarbeiten schuld. Die andere Hälfte entstehe aufgrund „technischer Probleme“. Wien Energie, sagt Christian Neubauer von Wien Energie, sei daran jedoch nicht schuld. Der Fehler liege bei schadhaften Kabeln, und für die seien jene Firmen verantwortlich, die sie verlegt hätten. „Oft sind das kleine Schäden, die vor mehreren Jahren passiert sind. Die Auswirkungen machen sich erst viel später bemerkbar. Zu 99,99 Prozent der Zeit im Jahr fließt Strom. Wir haben in einer Woche durchschnittlich drei Störungen; das ist sehr wenig. Unser Netz ist eines der besten in ganz Europa.“

Doch auch Top-Qualität kann Kunden verärgern. Seit Beginn der Hitzewelle ging in insgesamt 16.000 Haushalten das Licht aus. Davor ist auch der menschliche Körper nicht gefeit, dem das tropische Klima oft hart zusetzt. 15 bis 20 Prozent aller Einsätze bezeichnet die Wiener Rettung als „hitzerelevant“. Auch die Flugrettung verzeichnet 20 Prozent mehr Einsätze als sonst. Wobei die Ärzte auf Rädern (und in der Luft) derzeit die meiste Arbeit haben. In den Notfallambulanzen der Wiener Krankenhäuser blieb der große Ansturm bisher nämlich aus.

Wer Chaostage wie diesen liebt, darf sich jedenfalls freuen. Nachhaltige Wetteränderung ist nicht in Sicht. Am Samstag besteht zwar mit dem Durchzug einer Kaltfront die Gefahr teils heftiger Gewitter mit Hagel, Starkregen und Sturmböen, flächendeckender Regen wird jedoch ausbleiben. Nach angenehmen Temperaturen am Sonntag stellt sich im Laufe der kommenden Woche abermals sonniges und hochsommerlich heißes Wetter ein.

AUF EINEN BLICK

Sommer in Wien. 33 Grad, Strom- und U-Bahn-Ausfälle sorgten am Donnerstag in Wien für Ärger. Seit Mittwochabend schon ging auf der U4 zwischen Meidlinger Hauptstraße und Karlsplatz wegen einer beschädigten Stromschiene nichts mehr. Auch auf U1 und U3 blieben Züge stecken. In 16.000 Haushalten fielen mit dem Strohm Kühlschränke und Klimaanlagen aus. Rettung und Flugrettung verzeichneten bis zu 20 Prozent mehr Einsätze.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2010)