Schnellauswahl
MEIN MONTAG

In den Redaktionsstuben gehört endlich aufgeräumt

Wenn Journalisten sprachliches Convenience-Food aus den Achtzigern aufwärmen – Segen oder Fluch?

Schreiberling. Diese Bezeichnung taucht immer wieder auf, wenn jemand das Œuvre eines Journalisten, sagen wir, kritisch hinterfragt. Auch der Schmierfink wird gern aus dem Baukasten der pejorativen Anrede geholt. So wie der Lohnschreiber. Oder, mit gönnerhaftem Unterton, der Herr Reporter. Originell ist der Hinweis „Lernen Sie Geschichte“ davor übrigens schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Aber gut, in manchen Redaktionsstuben gehört wirklich einmal aufgeräumt – wobei die wohl abwertend gemeinte Redaktionsstube mittlerweile eher ein Großraumbüro ist. Aber okay, stilistisch passiert es im Journalismus tatsächlich allzu oft, dass in den Achtzigerjahren abgelaufenes schreiberisches Convenience-Food aufgewärmt und serviert wird. Dann herrscht reges Treiben, die stolzen Eltern unterhalten sich angeregt über Lust oder Frust, zarte Sonnenstrahlen lassen das Herz höher schlagen und irgendwo in der klirrenden Kälte spielt Frau Holle sprachliches Pingpong mit General Winter. So wie immer noch in Reportagen, in denen dem Autor nichts Substanzielles einfällt, irgendein Protagonist an seiner Zigarette ziehen muss. Womöglich noch genüsslich, um ein unnötiges Adjektiv auch noch einsetzen zu können.

Wenn dann auch noch ein Tausendsassa auftaucht, der sich am reichlich gedeckten Buffet noch ein paar Leckerbissen holt! Und am Ende machen vermutlich ein paar exotische Schönheiten die Nacht zum Tag. Segen oder Fluch? Diese Frage hält uns in Atem. So wie auch die Polizei, die ständig etwas unter Hochdruck machen muss, während Politiker ständig zurückrudern oder sich jemand am helllichten Tag auf offener Straße aus dem Fenster lehnt. So, all diese verdorbene sprachliche Gebrauchsware kehren wir jetzt mit dem eisernen Besen raus. Es hat gestimmt, in den Redaktionsstuben musste wirklich einmal wieder aufgeräumt werden!

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2020)