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Pop

Michelle Gurevich: Ihrer Lust entkommt man nicht

Die kanadische Sängerin mit slawischen Wurzeln hat in Europa ihre größten Fans. Auf ihrem neuen Album lädt ein „kosmisches Kichern“ zum Spielen ein.Lisa Bregneager
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Die Sängerin präsentiert ihr zwischen Erotik und Melancholie lustwandelndes Album „Ecstasy In The Shadow Of Ecstasy“ vorerst nur als Download.

Das Tempo ihrer Lieder ist von einer aufreizenden Gemächlichkeit. Egal, ob trunkener Walzer, fiebriger Tango, jazzige Ballade oder schmachtender Estrada, Michelle Gurevich schreitet elegant durch ihre poetisch und musikalisch erhöhten Dilemmas. Auf „Life Is Coming Back To Me“ erzählt sie mit attraktiv brechender Stimme von ihrem ungebrochenen Optimismus: „I've been down on my luck, forgotten how to fuck, but life is coming back to me“, brummelt sie mit viel Gusto. Im Nachsatz: „One winning ticket's all you need, and all falls in place suddenly.“

Michelle Gurevich hat in den letzen Jahren einige gute Lose in der Lotterie des Lebens gezogen. Nach einigen Jahren in Berlin ging es zurück ins heimatliche Toronto, ehe sie nun mit ihrer Lebenspartnerin Lisa Bregneager neues Quartier in Dänemark bezogen hat. Das ergibt Sinn, denn so ist sie ihrem fanatischen Publikum näher. Gurevich, die mit ihrer Mischung aus grimmigem Humor und milder Schwermut der Kunst eines Leonard Cohen sehr nah ist, wird vor allem in Mittel- und Osteuropa verehrt. Als Nachfahrin russischer Immigranten wuchs sie in Toronto auf. Und so schlägt ein sehr slawisches Herz in ihr, eines, das Momente des Glücks genauso zelebriert wie Pannen, Pech und Pleiten.

Ihr sechstes Album „Ecstasy In The Shadow Of Ecstasy“ erschien vorerst nur als Download auf der Plattform Bandcamp, Vinyl folgt. Angesichts der Kleinheit menschlichen Wünschens versenkt sich Gurevich schon im Opener ins Kichern des Kosmos. „Here comes a vision, dancing my way, the cosmic giggle invites us to play“, lauten die ersten Zeilen von „Art Of Life“. Ein Gebot ihrer Lebensschule lautet: „When you meet the eyes that make you wanna turn away, don't turn away, that's the art.“ Sie rät, die eingelernten Impulse zu hinterfragen. Ihr Klavierspiel fasziniert mit melodiensatter Simplizität, ihre dunkle Stimme klingt auf hintersinnige Weise verführerisch. Ein zart pochender Rhythmus lockt im nächsten Song „Temptation“ auf den Pfad des Erotischen. Das Terrain ist gefährlich. „Meet me by the tracks, love me a good degenerate romance with a side of class.“ Im Refrain singt sie sich in eine Art Selbsthypnose: „Why resist temptation with only one life to live?“

Mut zur Sinnlichkeit

Manche Künstler benötigen häusliche Harmonie, um künstlerische Disharmonien zu kreieren. Bei Gurevich scheint es genau umgekehrt zu sein. Sie schätzt Turbulenzen im Liebesleben und gewinnt ihnen die schönsten Melodien ab. Der Primat des Gefühls dominiert ihr Leben und ihre Kunst. „Mmmm I wanna feel more“ heißt es im mit Hall und mystischen Backgroundgesängen möblierten „Feel More“. Darin macht sie Mut zur Sinnlichkeit. Dazu heult die E-Gitarre von Bart Dietvorst im Westernstyle. Die erotische Fantasie „For Old Times Sake“ beginnt mit der Beschreibung mittelalterlicher Saturiertheit: „The dinners get more civilized, we've got more money and we're all a little tired.“ Dann erfolgt der erotische Befehl: „My dearest friend sit on my face.“

Nicht einmal langjährige platonische Freunde entkommen ihrer Lust. In „Kiss“ schlägt sie einem oder einer solchen vor, etwas zu wagen. „Let's kiss and see what happens.“ Wer würde da Nein sagen wollen?

Gurevich

Michelle Gurevich: Ecstasy in the Shadow of Ecstasy.[QGW9N]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2020)