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Frankreich im Mai, eine Hommage

Die Kulturnation trägt Trauer. Kein roter Teppich in Cannes, keine Stars an der Croisette. Und dann stirbt, mitten im Mai, Michel Piccoli, der Monolith des französischen Kinos.

Frankreich, die große Kultur- und Sportnation, leidet in diesem Corona-Frühjahr wie ein Hund in der Augusthitze der Provençe. Alles, was die Identität des Landes ausmacht, zerrinnt den Franzosen zwischen den Fingern. Das Filmfestival in Cannes und die Festspiele von Avignon – verweht wie eine leichte Maibrise. Die French Open im Tennis in Paris und die Tour de France, das Nationalheiligtum – verschoben in den Herbst, wenn überhaupt, unberechenbar, womöglich unwirtlich wie ein dreckiges gelbes Trikot.

Kein roter Teppich in Cannes, keine Stars und kein internationaler Glamour an der Croisette – da mögen sich manche im Internet noch so bemühen, die flirrende Stimmung an der Côte d'Azur heraufzubeschwören. Da mögen TV-Sender Konserven ausstrahlen – es schmeckt doch schal und abgestanden wie Autokino.

Und dann stirbt, mitten im Mai, Michel Piccoli, der Monolith des französischen Kinos, im Methusalem-Alter von fast 95. Es ist beinahe so, als würde er mit seinem Ableben gegen diese Corona-Zumutung protestieren, als stummes Zeichen, ultimativ resignativ und melancholisch. Viele Filmfreunde haben sich vielleicht in einer letzten Hommage eine Gitanes angesteckt und einen Cognac oder einen Pastis eingeschenkt. Frankreich trägt Trauer – und kein Präsident und kein Pathos, die es zu trösten vermögen.