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Coronakrise

Handel vor Auszahlung der Urlaubsgelder - "Gefahr in Verzug"

imago images/Independent Photo A
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Chefs von C&A, Kastner & Öhler sowie der Handelsverband
fordern: Hilfsgelder müssen rascher fließen. Um aus der Krise zu kommen, müsse nun vor allem die Kaufkraft gestützt werden.

Seit dem wochenlangen Shutdown kämpfen viele Händler um ihr finanzielles Überleben. Im Modehandel hat es mit Airfield, Colloseum, Dressmann, Haanl und Stefanel bereits mehrere Pleiten gegeben. Die nächste kritische Phase stehe bevor: "Wir stehen vor der Auszahlung der Urlaubsgelder, hier ist wirklich Gefahr in Verzug", sagte Martin Wäg, Chef das Grazer Traditionskaufhauses Kastner & Öhler.

Wäg sowie C&A-Österreich-Chef Norbert Scheele und Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will appellierten am Mittwoch in einem gemeinsamen Pressegespräch an die Politik, dass die zugesicherten Hilfen deutlich rascher fließen müssten. "Österreich ist es gut gelungen, die gesundheitlichen Folgen der Krise zu bewältigen, aber bei den wirtschaftlichen sind wir noch gar nicht weit", kritisierte Wäg. Die vom Staat angekündigten Unterstützungen seien noch in einem sehr geringen Ausmaß bei den Firmen angekommen.

"Aus anderen Ländern kann ich berichten, dass das dort viel schneller ging", sagte Scheele, der neben Österreich auch weitere Länder der Textilkette C&A verantwortet. Insbesondere die Mitarbeiterunterstützung, also das Kurzarbeitsgeld, müsse schneller kommen. Doch nicht nur die: "Am Beispiel des Härtfallfonds zeigt sich, wie existenzgefährdend Bürokratie ist", sagte Will.

Als "reine Willkür" bezeichnete der Chef des Handelsverbandes den Fixkostenzuschuss, den Firmen ab 20. Mai beantragen können. Wer einen Umsatzausfall von 39 Prozent habe, bekomme null Euro Zuschuss. Dieser gilt erst ab einen Umsatzentgang von 40 Prozent und ist dann gestaffelt.

Kaufkraft ankurbeln

Um aus der Krise zu kommen, müsse nun vor allem die Kaufkraft gestützt werden. Die ersten Wochen seit der Vollöffnung am 2. Mai zeigten, dass die Kundenfrequenz in den Geschäften noch deutlich unter der Vor-Coronazeit liege. Als Anreiz schlugen die Handelsvertreter einen "Österreich-Scheck" über 500 Euro sowie das Vorziehen der Steuerreform vor. Eine Sonntagsöffnung zur Abfederung der Umsatzausfälle, wie etwa von Einkaufszentren-Betreibern gefordert, sieht Will eher kritisch. Vier offene Sonntage würden helfen, "aber keine generelle Sonntagsöffnung, weil die Zuschläge zu hoch sind".

85 Prozent der Handelsfirmen rechnen heuer mit coronabedingten Umsatzeinbußen, ergab eine EY-Befragung unter 161 Mitgliedern des Handelsverbands aus allen Branchen. Besonders betroffen sind Sport-, Möbel-, Bekleidungs- und Schuhhandel. Selbst im Lebensmittelhandel werden Einbußen erwartet.

Zweiter Shutdown wäre katastrophal

"Einen vielwöchigen Umsatzausfall aus freier Liquidität auszugleichen, ist in den wenigsten Handelsunternehmen möglich", sagte Kastner & Öhler-Chef Wäg. Der Manager schlug bereits Ende März Alarm. Das Onlinegeschäft zog während des Shutdowns kräftig an. Der April sei online der beste Monat gewesen, sogar besser als das Weihnachtsgeschäft, so Wäg. Abfangen könne man die Ausfälle im stationären Handel damit aber nicht. "Covid-19 ist ein Turbobooster, um die Digitalisierung im Handel weiterzutreiben", sagte Martin Unger vom Berater EY. Die Firmen, die schon vor Corona digitale Geschäftsmodelle hatten, würden erfolgreicher durch die Krise kommen als jene, die nur stationär vertreten seien.

Der Großteil des Geschäfts im Handel wird stationär gemacht. Ein zweiter Shutdown wäre katastrophal, waren sich alle einig. Eine frühzeitige Auflockerung bei der Maskenpflicht im Handel wird daher nicht gefordert. "Lieber die Geschäfte offen halten lassen mit Vorkehrungen als wieder ein Lockdown und massivste Einschränkungen", sagte Wäg. Handelsobmann Peter Buchmüller hatte sich am Montag für eine Lockerung der Maskenpflicht ausgesprochen.

(APA)