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Am Herd

Angenehme Nebenwirkung

(c) REUTERS (Herwig Prammer)
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Man kann, man darf dieses Virus nicht loben. Aber es hat auch die eine oder andere angenehme Nebenwirkung. Über kuschelige 17-Jährige und meinen neu entdeckten grünen Daumen.

Marlene findet mich neuerdings niedlich. Und eigenartig findet sie mich auch, jedenfalls seit sie entdeckt hat, dass ich, die Dame mit dem grauen Daumen, meine Rose in regelmäßigen Abständen in die Badewanne stelle und dort Blatt für Blatt mit verdünnter Milch besprühe. Das tue ich, weil dieses hübsche Stöcklein, nachdem es zuerst meine reichlich ungeschickte Pflege und dann den Winter auf dem Fensterbrett überstanden hat, ein Opfer des Mehltaus zu werden droht. Was ich nicht zulassen kann, schon aus Dankbarkeit nicht: Diese Rose hat mir immerhin ein bisschen Grün und die eine oder andere Blüte beschert, als die Schanigärten noch geschlossen hatten und ich mir wie ein Verbrecher vorkam, wenn ich mich im Park kurz unter einen Kirschenbaum setzte.

Ohne BH. Man kann, man darf dieses Virus nicht loben. Aber ein paar angenehme Nebenwirkungen hat es doch. Es ist schön zu wissen, dass nicht zwangsläufig alle Pflanzen eingehen, wenn man sie meiner Obhut überlässt. Ich freue mich, dass ich es endlich geschafft habe, den Kleiderschrank zu ordnen, dass sich die Männer ihre Haare wachsen lassen mussten (sie gefallen mir nämlich verwuschelt viel besser), dass mir die Menschen auf der Straße freundlicher begegnen: Als Radfahrerin bin ich jetzt nicht mehr der potenzielle Rowdy, sondern sorge als brave Mitbürgerin dafür, dass das Infektionsrisiko in der Bim sinkt. Dafür bekomme ich das eine oder andere Lächeln.

Und ich muss zwar unterwegs jetzt Maske tragen. Aber dafür bleibt der BH immer öfter zuhause. Auf zwei Meter Distanz sieht man eh nix durch.

Mit Gitarre. Der Lockdown, so hart er war, hat mir Zeit mit Marlene geschenkt, meiner Jüngeren, der es immer „eh okay“ geht und die sich normalerweise nach dem Essen gleich in ihr Zimmer verzieht, wenn sie denn überhaupt da ist, meistens ist sie ja unterwegs. Drei Wochen waren wir zu zweit in der Wohnung, wir haben gemeinsam gekocht und uns gefreut, dass niemand die Nase rümpft, wenn es nur Salat gibt oder schon wieder Brokkoli. Wir saßen lange, noch länger und haben uns unterhalten, wo sonst mein Mann und Hannah das große Wort führen. Hin und wieder bin ich auf ihrem Bett gelegen und sie hat mir auf der Gitarre etwas vorgespielt. Hin und wieder hat sie sich in meinem Zimmer auf den Lesesessel gefläzt und wir haben geplaudert. Und hin und wieder hat sie mich umarmt. War ja sonst keiner da.

Und manchmal, ja manchmal, findet sie mich neuerdings sogar niedlich. Wenn ich zum Beispiel meine Rose besprühe.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2020)