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Elizaveta Fateeva: "Weiterentwickeln, auch wenn man das Gefühl hat, dass die Zeit still steht"

Elizaveta Fateva
Elizaveta FatevaTanjana Vlasova
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Designerin Elizaveta Fateeva nimmt die Situation gelassen und nützt die Zeit für neue Projekte und Weiterentwicklung. Handwerk und Slow-Fashion spielen dabei eine große Rolle.

Nach erfolgreichen zehn Jahren als Schuh- und Accessoiredesignerin für namhafte Labels wie Raf Simons, Jil Sander und Salvatore Ferragamo, gründete Elizaveta Fateeva 2017 ihr Schuhlabel „Fateeva“. Avantgardistische Modelle, die in Handarbeit entstehen und trotzdem den Anspruch haben alltagstauglich zu sein, prägen die Arbeit die Designerin.

Wie gehen Sie mit der derzeitigen Situation um?

Es ist eine spannende Zeit, ich merke, dass ich auch nur mit dem Notwendigen total glücklich und zufrieden weiterleben kann. Ich glaube für viele Leute ist es eine Art Test, viele nehmen es weniger gelassen als ich. Ich merke bei mir persönlich, dass es mir wahnsinnig gut tut, wieder etwas selber zu machen und mich nicht auf Prozesse zu verlassen, auf die ich keinen Einfluss habe. Man muss sich weiterentwickeln, auch wenn man das Gefühl hat, dass die Zeit still steht.

Ich sehe Einschränkungen und neue Situationen immer als Chancen und Inspiration für neue Herangehensweisen und Lösungen und weniger als Herausforderung. Ich habe 2017 mit Schuhen und einem klassischen B2B-Vertriebsweg angefangen und dabei so einige Fehler gemacht und aus denen gelernt. Seit 2019 arbeite ich viel mit Upcycling in Italien, seit März 2020 produziere ich selbst im Studio in Wien. Nach dem ersten Schock über die internationale Krise habe ich zu einem neuen Prozess gefunden, der Handwerk und Slow-Fashion in den Fokus stellt und sich für mich zeitgemäß und authentisch anfühlt.

Wie kann es in der Mode weitergehen, was wird sich Ihrer Meinung nach verändern?

Ich hoffe tatsächlich, dass viele sich im Lockdown darüber Gedanken gemacht haben, dass man nicht viel braucht um zu leben. Was die Modebranche betrifft denke ich, dass die Prozesse neu definiert werden und Entwicklungs- und Produktionsabläufe transparenter werden müssen. Nachhaltiger, qualitativer und weniger produzieren muss die neue Devise sein.

Wir müssen lernen nicht nach neuen Problemen und den Schuldigen zu suchen, sondern nach Alternativen und Lösungen. Auch durch technische Entwicklungen, die noch vor zehn bis 15 Jahren undenkbar waren, ist ein Übermut entstanden für den wir jetzt die Konsequenzen tragen müssen. Im Falle einer Krise - wie wir sie jetzt haben - entsteht eine Kettenreaktion. Man hat keinen Einfluss mehr drauf und kann nichts machen. Egal ob kleines Label oder großes Unternehmen: Die Produktions- und Entwicklungsprozesse müssen wieder näher an den kreativen Part herangebracht werden. Wenn das passiert, wird sich das auch positiv im Endprodukt widerspiegeln.

Geschäfte dürfen jetzt wieder offen halten, ist das eine Erleichterung? Können Sie schon abschätzen, wie sich die Situation entwickelt? 

Ich habe kein eigenes Geschäft und um ehrlich zu sein, lebe ich nach wie vor wie im Lockdown. Nicht weil ich mich nicht raus traue, sondern weil ich mich in sechs Wochen schon daran gewöhnt habe, mich auf das Nötigste zu reduzieren, nicht zu sammeln und ständig zu konsumieren, etwas zu Ende aufzubrauchen und zu wertzuschätzen.

Gibt es Modelle, die jetzt besonders gern gekauft werden?

Als mich meine älteste Freundin angerufen hat und meinte ich sollte ihr doch im Lockdown zwei Sommerkleider aus verfügbaren Stoffresten im Studio nähen, habe ich angefangen, all die „für später“-Kisten bei mir im Studio aufzumachen und all meine angesammelten Schätze wieder entdeckt. Dieses Ansammeln an Materialien entstand durch mein vor einem Jahr begonnenes Upcycling.  Dafür war ich oft in Italien und kaufte hochwertige Seidenrestbestände in Fabriken und Lagern. All das zusammen brachte mich auf die Idee meines neuen Projektes „One Dress a day“.

One dress a day
One dress a dayElizaveta Fateeva

Ich habe Fateeva vor drei Jahren als Schuhlabel mit saisonalen Kollektionen und Showroom und Präsentationen in Paris gestartet. Seitdem ist es ein stetiger Lernprozess, auch wenn ich zuvor bereits seit zehn Jahren für große Modelabels als Accessoire-Designerin habe. Als kleines Label gibt es viele Hochs und Tiefs und es braucht viel Durchhaltevermögen um sich über Wasser zu halten und sich am Markt zu differenzieren. Es hat all das gebraucht um festzustellen, dass der klassische Weg nicht zu mir passt und auch nicht mehr zeitgemäß ist. Wir leben in einer Zeit, die es verlangt Prozesse neu zu definieren und einen individuellen Rhythmus zu finden. Der Markt ist reif für den Mut zu experimentieren und für Produkte, die Geschichten erzählen. Die Kleider, die gerade entstehen, sind meine Antwort darauf. Zumindest für den Moment. Ich habe bis jetzt 27 Kleider genäht und 20 Kleider verkauft.

Welche Art von Unterstützung würde Ihnen jetzt besonders helfen, bekommen Sie Unterstützung aus einem der Hilfsfonds?

Ich habe gerade mit dem Projekt „One Dress a day“ mit dem von der Wirtschaftsagentur initiierten Wettbewerb „Vienna Creatives for Vienna" gewonnen und auch die Onlineshop-Ausbauförderung bekommen. WKO und Wirtschaftsagentur, auch AWS unterstützen gerade vor allem kleine Labels, Unternehmen und Startups sehr, die an Entwicklungen von neuen Ideen arbeiten. Die Wirtschaftsagentur hat auch vor einem Jahr das Founders Lab Programm ins Leben gerufen, das jungen Unternehmen in Gründung hilft - ich habe im Oktober und November 2019 teilgenommen und es hat mir wahnsinnig viel gebracht und mich aufgebaut.

Kann die Krise auch eine Chance für eine positive Entwicklung darstellen? Wie könnte dies aussehen?

Auf jeden Fall. Wenn wir vom schlimmsten ausgehen würden und jetzt nichts unternehmen würden, dann werden wir in der Zukunft verlieren.  Es gibt sehr viele Wege nachhaltiger Schönes zu schaffen. Jedes Unternehmen hat innerhalb der eigenen Strukturen das Potential bewusster zu arbeiten. Man muss sich nur trauen neue Wege zu gehen. 

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