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Großbritannien

Boris Johnsons graue Eminenz dachte nie an Rücktritt

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Dominic Cummings bei der Pressekonferenz im "Rose Garden" der Downing Street 10.APA/AFP/POOL/JONATHAN BRADY
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Chefstratege Dominic Cummings brachte den britischen Premier wegen vermeintlicher Extratouren in der Coronakrise in Bedrängnis. Der Druck war so groß, dass er nun in die Offensive ging.

Boris Johnsons Chefstratege, für viele die graue Eminenz in der Downing Street und Brexit-Mastermind, entfaltet seine Macht üblicherweise hinter den Kulissen. Doch in den vergangenen Tagen wurde Dominic Cummings wegen vermeintlicher Extratouren in der Coronakrise zu einer solchen Belastung für den britischen Premier, dass er sich entschloss, an die Öffentlichkeit zu gehen. Im Rosengarten des Amtssitzes hielt der 48-Jährige eine Pressekonferenz ab, um die Vorwürfe gegen ihn zu entkräften.

Er las vom Blatt ab, gab detailliert Auskunft über seine 14-tägige Selbstisolation von Ende März bis Ostern auf der Familienfarm im nordostenglischen Durham, mehr als 400 Kilometer von London entfernt. Er schilderte die eigene Corona-Erkrankung und die seiner Frau und die Notwendigkeit der Obsorge für vierjährigen Sohn durch Schwester und Nichten. Reue verspüre er nicht, und an einen Rücktritt habe er auch nicht gedacht, sagte er. Doch er gestand Fehler ein.

Aufstand der Hinterbänkler

Ob die Aufregung über die angeblichen Verstöße gegen die strikten Quarantönebstimmungen nach dem Auftritt abebbt, erscheint angesichts der harten Reporterfragen, die Cummings zum Teil zum Stottern brachten, zweifelhaft. Zweifellos war es für Cummings, dem der Ruf der Arroganz anhaftet, eine Übung in Demut.

Bei den Tories haben die Hinterbänkler den Aufstand geprobt: 20 Abgeordnete forderten den Rücktritt von Cummings, desgleichen Bischöfe, die konservative Zeitung „Daily Mail“ („Auf welchem Planeten leben sie?“) und die Opposition. Der Volkszorn kochte über.

Noch am Sonntag sicherte Johnson seinem Top-Berater Rückhalt zu: „Er hat verantwortungsvoll, gesetzesgemäß und mit Integrität gehandelt.“ So wie dies jeder Vater getan hätte, fügte er hinzu. Cummings hatte sich zuvor mit den Medien angelegt und so herausgefordert: „Ihr liegt so daneben wie beim Brexit.“ Das dürfte deren Jagdlust freilich nur gesteigert haben. Seit Tagen gibt es für die Londoner Zeitungen nur noch ein Thema, und die Affäre wurde immer gefährlicher für den Premierminister. Das Medienecho war katastrophal.

Fehde mit dem Finanzminister

Cummings ist so unorthodox wie umstritten, und er gilt als arrogant. Nach einem Oxford-Studium und einem ersten Versuch als Unternehmer in Russland wandte sich der heute 48-Jährige der Politik und dem Polit-Marketing zu. In dem Brexit-Film „The Uncivil War“ verkörperte ihn der Starschauspieler Benedict Cumberbatch. Zuletzt sorgte er für eine Kontroverse, als bekannt wurde, dass er einem Expertenrat in der Coronakrise angehörte.

Legendär ist vor allem Cummings Fehde mit Ex-Finanzminister Sajid Javid, der zu Beginn des Jahres zu dessen Rücktritt führte. „Cummings and Goings“ lästerte Javid über den Widersacher, der im Ringen um die Gunst Johnsons die Oberhand behielt - und weiterhin dessen Vertrauen genießt.