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"Tendenziös"

Deutscher Virologe Drosten im Streit mit der „Bild“-Zeitung

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité an Berlin
Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité an BerlinAPA/AFP/POOL/MICHAEL KAPPELER
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Die Zeitung wirft dem Virologen „fragwürdige Methoden" vor, er bezeichnet ihre Berichterstattung als „tendenziös“. Die von der „Bild“ zitierten Wissenschaftler distanzieren sich von der Zeitung.

Am Montag um 15 Uhr bekam Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité an Berlin und seit der Corona-Krise häufiger Gast in den Medien, ein E-Mail aus der „Bild“-Zeitung. Er wurde um eine Stellungnahme zu einer Studie über Viruslasten bei Kindern gebeten, die er Ende April gemeinsam mit Kollegen veröffentlicht hatte. Politiker hatten diese in ihre Entscheidung, wann Kindergärten und Schulen wieder aufmachen, miteinbezogen. Die Studie geht der Frage nach, wie ansteckend Kinder im Vergleich zu Erwachsenen sind und kommt zu dem Ergebnis, dass es „keine signifikanten Unterschiede“ bei der Viruslast gebe. Der „Bild“-Redakteur forderte Drosten nun auf, zu kurzen Zitaten anderer Wissenschaftler Stellung zu nehmen, die die Studie kritisierten. Er gab dem Virologen lediglich eine Stunde Zeit, um zu antworten. Drosten stellte einen Screenshot der E-Mail auf Twitter: „Die ‚Bild‘ plant eine tendenziöse Berichterstattung über unsere Vorpublikation zu Viruslasten und bemüht dabei Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang“, schrieb der populäre Virologe dazu. Man gebe ihm lediglich eine Stunde Zeit, um sich zu erklären, aber „ich habe Besseres zu tun.“

Tatsächlich erschien um 16:34 Uhr dann ein Artikel in der „Bild“ unter dem Titel „Fragwürdige Methoden: Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“. Die Wissenschaftler, die im Boulevardblatt zu Wort kamen, formulierten ihre Kritik weniger eindeutig: „Die Erkenntnisse müssen mit einiger Vorsicht interpretiert werden“, so Professor Leonhard Held von der Universität Zürich. Der deutsche Ökonom Jörg Stoye wurde mit dem Satz zitiert, die Ergebnisse „scheinen von Entscheidungen der Forscher getrieben zu sein“.

„Ich will nicht Teil einer ,Bild'-Kampagne sein"

Als „grob falsch“ bezeichnete keiner der Experten die Untersuchung. Mehrere der zitierten Wissenschaftler haben sich inzwischen distanziert. Ihre Aussagen seien aus dem Zusammenhang gerissen. Stoye sagte dem „Spiegel“: „Ich will nicht Teil einer ,Bild'-Kampagne sein. Ich hatte keinen Kontakt zu ,Bild', sie haben mich nicht angefragt, ich habe mich auch nicht angeboten.“ Die Zitate in der „Bild“ stammen aus einem Aufsatz, den er auf Englisch verfasst habe, erklärte er: „So, wie ,Bild' meine Zitate verwendet, stehe ich auf keinen Fall dazu.“ Seine kritischen Anmerkungen zur Studie sieht der Ökonom als Teil der wissenschaftlichen Meinungsbildung. Der ebenfalls in der „Bild“ zitierte Statistiker Dominik Liebl schrieb auf Twitter: „Ich distanziere mich von dieser Art, Menschen unter Druck zu setzen, auf das schärfste".

Der Verfasser der Anfrage, „Bild“-Redakteur“ Filipp Piatov, verteidigte seinen Bericht: „Die ‚angeblichen Kritiker‘ distanzieren sich von der ‚Bild‘ – das ist ihr gutes Recht. Aber sie bleiben bei ihrer Kritik an der Studie“, schrieb er auf Twitter. Der stellvertretende Chefredakteur der „Bild“, Paul Ronzheimer, warf Drosten wiederum vor, dass er die Handynummer des Redakteurs veröffentlicht hat: „Wenn es gegen die vermeintlich Richtigen geht, scheint alles erlaubt.“ Drosten löschte den Tweet später und veröffentlichte ihn erneut, nun aber ohne die Telefonnummer.

Angriffe auf Drosten

Die „Bild“ kritisiert Drosten bereits seit Wochen. Der „Bild"-kritische „Bildblog“ fasste einige Beispiele aus der jüngeren Vergangenen zusammen: Am Donnerstag vergangener Woche veröffentlichte die Boulevardzeitung etwa einen Artikel mit der Überschrift „Merkel motzt über Drosten“ und schrieb darin: „Im kleinen Kreis der Ministerpräsidenten hat Bundeskanzlerin Angela Merkel nach ,Bild'-Informationen erstmals deutliche Kritik an Deutschlands Virologen geäußert.“ Und weiter „Vor allem auf den Top-Virologen Christian Drosten (Berliner Charité) bezog sich ihr Unmut in der Video-Schaltkonferenz.“ Der Virologe war am selben Tag auch Thema bei einer Pressekonferenz der deutschen Bundesregierung. Ob es stimme, dass es Unmut gegeben habe an dem öffentlichen Auftreten und der Selbstdarstellung von Wissenschaftlern, namentlich Christian Drosten, fragte ein „Bild“-Redakteur die Kanzlerin. Ihre kurze Antwort: „Ne.“

>> Bericht in der „Bild“ 

>> Interview im „Spiegel"

>> Beitrag im Bildblog

>> Die Pressekonferenz mit Merkel auf Youtube

(her)