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Interview: »Diese Logik führt zurück ins Mittelalter«

Edzard Ernst lehrt Komplementärmedizin in England. Von der Homöopathie hält er nicht gerade viel.

Ist Homöopathie Scharlatanerie?

Edzard Ernst: Das kommt auf die Definition von Scharlatanerie an. Aber ich verstehe etwas von Evidenz, und da ist es klar, dass Homöopathie biologisch nicht plausibel ist und den Grundprinzipien von Chemie und Physik widerspricht.

Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Wo kein Molekül ist, kann keine Wirkung sein. Die Homöopathie stellt die Naturwissenschaft auf den Kopf. Wichtiger noch: Klinische Studien zeigen, dass sie keine Wirkung hat. Dass es vereinzelt auch positive Ergebnisse gibt, liegt in der Zufallswahrscheinlichkeit von fünf Prozent.

Anhänger behaupten sehr wohl, dass Homöopathie wirkt.

Das ist eine Falschaussage. Jede ernsthafte Untersuchung beweist das Gegenteil.

Wieso hat sich die Alternativmedizin trotzdem so ausgebreitet?

Sie erscheint ja dem Patienten nicht wirkungslos. Es kann ihm durchaus besser gehen, subjektiv wie objektiv. Ich bestreite nicht, dass der Placeboeffekt existiert. Aber die Zusammenhänge sind komplexer, und die Logik der Homöopathie führt uns zurück ins Mittelalter.

Worauf beruht der Placeboeffekt?

Aus einer Mischung aus Erwartungshaltung und Konditionierung. Das wirkt sogar beim Tier, wie Pawlow gezeigt hat.

Wieso kann Homöopathie dann eine Blasenentzündung heilen?

Die vergeht doch auch so. Wofür ich eintrete, ist eine auf Fakten beruhende Medizin. Der Maßstab an jede gute Behandlung muss sein, ob sie hilft. Was nicht hilft, muss man ad acta legen.

So auch die Alternativmedizin?

Nicht, wenn man sie genauso auf Fakten und Wertigkeit prüfen kann wie die klassische Medizin.

Welche Rolle spielt Suggestion bei der Homöopathie?

Die entscheidende. Wichtiger als alle Placebos ist die Emphase, mit der sie verabreicht werden. Die Placebos sind ja Betrug, aber die Zuwendung und die Zeit, die der Arzt dem Patienten widmet, sind der Grund für die Beliebtheit der Homöopathie.

Besorgen Sie mit Ihrer Kritik nicht das Geschäft der Pharmaindustrie?

Überhaupt nicht. Wir haben gesehen, was Medizin leisten kann und was nicht. Viele haben sich enttäuscht von der Schulmedizin abgewendet zu alternativen Methoden und handeln nun nach dem Motto: „Meinem Dackel hat es auch geholfen“. Ich bin ja nicht grundsätzlich gegen Alternativmedizin – vorausgesetzt, sie ist fundiert. So bin ich zum Beispiel überzeugt, dass Johanniskraut besser wirkt als alle Antidepressiva.

Was ist die Konsequenz für die Homöopathie?

Unter dem Leitprinzip des mündigen Patienten müssten die Homöopathen eigentlich die Wahrheit sagen. Aber dann funktioniert die ganze Homöopathie natürlich nicht mehr. Im Grund verstößt sie gegen die ärztliche Ethik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2010)