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Kolumne zum Tag

Vorwiegend wechselhaft in den Niederungen

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Manche Worte sind so gut, man müsste sie erfinden, wenn es sie noch nicht gäbe. „Vorwiegend festkochend“ etwa oder „wechselhaft“.

 Ohne wechselhaft gäbe es keinen Wetterbericht und wohl auch keinen Schnee bis in die Niederungen. In den Niederungen des Alltags ist es derzeit auch ein wenig wechselhaft (vorwiegend fest am Kochen ist man sowieso).

Nach den Wochen des festgezurrten Lebens tut die neue Unbeständigkeit nicht allen gut. Das liegt zum Teil daran, dass Geduld und Freundlichkeit ein wenig aufgebraucht scheinen, und so mancher seinen Zorn spontan an Unbeteiligten entlädt. Hotspots, eines der Worte übrigens, die während der Corona-Krise von etwas Positivem zu etwas Bedrohlichem wurden, sind Radwege und Supermärkte. Da bittet etwa eine Frau den jungen Mann, der ihr in der Schlange ins Genick atmet, um ein wenig Abstand. Seine Antwort: „Dann gengan Se vire“. Dass der Vordermann durch Vorrücken dem Hintermann mehr Abstand gewähren soll, ist offenbar eine Lebenseinstellung. Denn immer zahlt man selber drauf!

Die Aussicht, dass man aus der Zeit der strengen Verbote in Eigenverantwortung entlassen wird, ist spannend. In der schlimmsten Phase der Krise gab es laut „Guardian“ drei Hauptgruppen: „Accepters“, Menschen, die sich mit den Umständen abfanden und das Beste daraus machten; „Sufferers“, die mit der Situation haderten und litten und „Refusers“, die Sinn und Zweck der Maßnahmen grundsätzlich in Frage stellten.

Nun übernimmt bald der Hausverstand, und er ist ganz unterschiedlich ausgeprägt, wie auch die Solidarität. Ist es unsolidarisch, leere Zetteln bei der Matura abzugeben oder entspricht das der Effizienz, die einem andere Generationen vorgelebt haben? Idiotisch, als Jugendliche heimlich Partys zu feiern und sich nicht von denen belehren zu lassen, die „Berlin Babylon“ schauen und die verbotenen Exzesse der 20er Jahre gerne in betulichen Themenparties heraufbeschworen wollten? Hüte dich vor jenen mit der Federboa im Kasten.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2020)