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Internationalisierung

Volle Kraft voraus statt Plan B

Das Bürohaus Cube der CA Immo wurde vor der Fertigstellung verkauft.
Das Bürohaus Cube der CA Immo wurde vor der Fertigstellung verkauft.(c) CA Immo/Muhs
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Österreichs Entwickler halten an ihren Auslandprojekten fest. Denn diese betreffen vor allem das resiliente Deutschland – und den stabilen Wohnungsmarkt.

Von Schulen über Schlösser bis zu Universitäten: Die Bundesimmobiliengesellschaft verwaltet das Immobilienportfolio Österreichs. Nun wagt sie über ihre Tochter Austrian Real Estate (ARE) den Sprung ins Nachbarland. Die ARE übernimmt das größte Entwicklungsprojekt der UBM Development in München. Auf 28.000 Quadratmetern Fläche in der Nähe des Schlossparks Nymphenburg ist ein gemischt genutztes Quartier mit Gewerbeflächen, Büros und Wohnungen geplant. Die ARE will vor allem zur Risikostreuung nach Deutschland, kündigt CEO Hans-Peter Weiss weitere Zukäufe auf Europas größtem Immobilienmarkt an: „Wir sind beide kapitalstarke Quartiersentwickler mit einer ähnlich großen Projektpipeline und Kompetenzen, die sich ergänzen. Natürlich gibt es Perspektiven und Potenzial, dass das nicht die einzigen Aktivitäten bleiben.“

Andere österreichische Immobilienentwickler zieht es ebenfalls nach Deutschland. Wie der ARE hat es den meisten die Anlageklasse Wohnen angetan: Deutschland dürfte die Coronakrise ähnlich gut wie Österreich überstehen – im Nachbarland gibt es jedoch mehr als nur eine Millionenstadt mit einem deutlichen Nachfrageüberhang auf dem Wohnungsmarkt.

Fabriklofts in Duisburg

So hat der private Immobilienentwickler Soravia noch während der Lockdown-Phase die Übernahme des Firmenareals der deutschen Tengelmann-Gruppe, Eigentümer von Obi, Tedi und Kik, unter Dach und Fach gebracht. Das Gelände bei Duisburg wird im Herbst an Soravia übergehen. „Wir freuen uns sehr, dass wir den Zuschlag für ein so einzigartiges Areal mit ehrwürdiger Industriearchitektur in einem herrlichen Parkgrundstück im Herzen des Ruhrgebiets erhalten haben“, sagt CEO Erwin Soravia. Das Unternehmen hat bereits in Österreich bewiesen, wie gut es historische Bausubstanz wiederbeleben kann – etwa bei der Sanierung der Sofiensäle in Wien, wo aus einer Brandruine eine Eventlocation und Wohnadresse wurde. Auf dem Tengelmann-Gelände ist eine ähnliche Revitalisierung geplant.

6B47 hat zuletzt eine Verdoppelung der Entwicklungsprojekt-Pipeline auf 3,6 Milliarden Euro angekündigt. Ganze sieben neue Projekte errichtet der private Entwickler in Deutschland, zwei weitere in Polen. Nun erwarten Marktbeobachter, dass gerade in Osteuropa viele Projekte von Entwicklern auf den Markt kommen, die aufgrund der Krise in finanzielle Schwierigkeiten kommen. „In dieser Krisensituation wird es sicherlich zu einer gewissen Marktbereinigung kommen und die Immobilien-Hausse wird für manche ein Ende finden“, meint Sebastian Nitsch, Vorstand 6B47 Real Estate Investors. Er will aber nicht nach Schnäppchen jagen: „Wir spekulieren nicht auf die Schwächen unserer Mitbewerber, sondern haben in den vergangenen Jahren ein diversifiziertes Portfolio mit klarem Wohnbaufokus aufgebaut, das uns jetzt zugute kommt.“

Nicht nur staatliche und private Entwickler halten an ihren Projekten im Ausland  mit Schwerpunkt Deutschland unbeirrt fest. Auch die an der Wiener Börse notierten Immobilienunternehmen setzen ihre internationale Expansionsstrategie fort. Weder bei den Büro-Playern Immofinanz und S Immo noch bei den Hotelentwicklern UBM und Warimpex – Ersterer hat gerade ein starkes erstes Quartal 2020 bekannt gegeben – wurden laufende Projekte krisenbedingt zusammengestutzt oder eingestellt. CA-Immo-CEO Andreas Quint ist gerade durch seinen Fokus auf traditionell sehr widerstandsfähige Märkte wie Deutschland sicher, dass das Unternehmen die Coronakrise relativ unbeschadet übersteht. Eiserne Nerven hat er gezeigt, als sein Unternehmen im April ein Bürohaus in Berlin erworben hat – einer der raren Deals im Lockdown-geplagten Europa. Dank einer Vielzahl von Vorvermietungen mit Verträgen aus der Prä-Corona-Zeit ist auch bei den aktuell im Bau befindlichen Projekten nicht mit Verzögerungen zu rechnen. „Im Durchschnitt haben alle aktiven Projekte einen Vorvermietungsgrad von rund 60 Prozent“, sagt Quint.

Langfristig finanziert

Quint will trotzdem auf der sicheren Seite sein, wenn der von angelsächsischen und asiatischen Käufern geprägte Transaktionsmarkt einbrechen sollte: „Die Finanzierung wurde für alle Projekte für eine Haltedauer von bis zu zehn Jahren gesichert, selbst für Projekte, die wir nicht behalten, sondern verkaufen wollen.“

Alles, was im Bau ist, wird aber wie geplant fertiggestellt: So wird das Prestigeprojekt der CA Immo, das Hightech-Bürohaus Cube vis-à-vis vom Hauptbahnhof und Reichstag in Berlin, im Herbst an die Mieter übergeben. Noch vor der Krise wurde das Green-Building-Bürohaus an den großen Fonds Nuveen Real Estate verkauft. Mit dem Verkauf nicht zu warten hat sich diesmal ausgezahlt – denn der frühe Vogel fängt offenbar auch in der Immobilienbranche den Wurm.

„Virusrabatt“ bleibt aus

Wohnen muss man immer. Magan-Chef Alexander Neuhuber ist überzeugt: In leistbares Wohnen in Deutschland zu investieren ist eine krisenfeste Strategie. „Der eine oder andere Kaufinteressent mag sogar kurzfristig enttäuscht werden von der Stabilität des Marktes, große Preisabschläge – manche träumen ja von 20 oder 30 Prozent – wird es nämlich nicht geben“, sagt er. Neuhuber, der vornehmlich in Zinshäuser in Deutschland investiert, sieht die „Durchschnittswohnung für den Durchschnittsbürger“ als klaren Gewinner der Krise.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2020)