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Burka-Verbot: Bruchlinien auch in arabischer Welt

(c) Clemens Fabry
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Die Entscheidung der französischen Regierung könne nur mit der wachsenden Islamophobie in Europa erklärt werden, die ihren Ausdruck in einer Hetze auf Gesichtsschleier, Kopftücher oder auch Minarette finde.

KAIRO. „Die westliche Welt hat eine Obsession, wenn es um das Verbot des Gesichtsschleiers geht.“ Die überregionale arabische Tageszeitung „Al-Hayat“ lässt keinen Zweifel daran, was sie von der letztwöchigen Entscheidung des französischen Parlaments hält, die Burka (oder den „Niqab“) – wie der der Gesichtsschleicher auf Arabisch heißt – zu verbieten. Dabei handle es sich um den unterbewussten Willen, alles Islamische wegzudrängen, fährt „Al-Hayat“ fort.

Diese Entscheidung könne nur mit der wachsenden Islamophobie in Europa erklärt werden, die ihren Ausdruck in einer Hetze auf Gesichtsschleier, Kopftücher oder auch Minarette finde. „Das westliche Bewusstsein durchlebt eine echte Krise, wenn es um das Akzeptieren des anderen geht. Das Ganze würde noch viel schlimmere Ausmaße annehmen, wären die europäischen Gesetzgeber nicht den Prinzipien des Antirassismus und der persönlichen Freiheiten verpflichtet“, glaubt die Zeitung und fragt: „Welche Bedrohung stellen ein paar hundert oder vielleicht tausend Frauen, die den Gesichtsschleier tragen, für 65 Millionen Franzosen dar?“

Aber die Zeitung macht auch die „amateurhafte Obsession muslimischer Gemeinschaften in Europa“ für die Krise mitverantwortlich, „wenn sie glauben, die Zukunft des Islam hängt vom Tragen des Niqab, dem Wachsen eines Bartes und dem Gebetsruf vom Minarett ab“. Derartiges bringe die Phobien in Europa erst richtig in Schwung. Und am Ende, so fürchtet das Blatt, „sind es gerade die radikalen islamistischen Bewegungen, die die Integration und Koexistenz ablehnen, die von der wachsenden Islamophobie in Europa profitieren werden“.

 

„Wir bekommen das Jenseits“

Während in den meisten arabischen Medien eher Unverständnis darüber herrscht, warum gerade der Niqab als marginales Phänomen im Zentrum der europäischen Debatte steht, gibt es in der arabischen Welt auch Stimmen, die die Entscheidung des französischen Parlaments begrüßen.

Frauen sollen in dieser Frage keine Wahl haben, fordert die saudische Bloggerin Eman Al Nafja. „Für jede Frau, die aus freien Stücken den Gesichtsschleier wählt, gibt es Hunderte, wenn nicht sogar Tausende, die vom religiösen Establishment, der Familie und der Gesellschaft unter Druck gesetzt werden, ihr Gesicht zu bedecken“, argumentiert sie. „Was sollen wir opfern? Die eine Frau, die es dadurch schafft, Gott näher zu sein oder diese hundert anderen, damit die Erste eine freie Wahl hat?“, fragt sie.

Sie erzählt von saudischen Frauen, die darauf konditioniert wurden, dass der Gesichtsschleier unabdingbar ist und die vor dem Fernseher sitzen und unverschleierte Frauen sehen und kommentieren: „Sie bekommen die Welt und wir das Jenseits.“

Tatsächlich verlaufen die Bruchlinien für oder gegen den Niqab auch quer durch die arabische Welt. Die syrischen Behörden sind gerade dabei, ein eigenes Niqab-Verbot für Lehrer durchzusetzen, wenngleich still und heimlich. Laut inoffiziellen Schätzungen sollen 1200 Lehrerinnen davon betroffen sein.

 

Vorreiter Syrien

Es existiert keine geschriebene Direktive, nur eine vage Aussage von Erziehungsminister Ali Saad, als er vor dem Lehrerberufsverband am 27.Juni erklärte, dass „die Erziehung an syrischen Schulen objektiven und säkularen Methoden folgt, und diese durch das Tragen des Niqab unterwandert werden“. Er deutete an, dass auch andere Ministerien in Damaskus demnächst ähnliche Maßnahmen durchsetzen würden.

Der syrischen Frauenrechtsorganisation „Syrian Women Observatory“ geht der Schritt des Erziehungsministeriums noch nicht weit genug: „Der Niqab löscht die Identität der Frauen im Namen der Religion aus“, heißt es auf deren Webseite, „er sollte daher nicht nur in den syrischen Schulen verboten werden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2010)