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Stand-up-Specials auf Netflix & Co: Über das Älterwerden kann man immer lachen

Hannah Gadsby begibt sich in ihren Programmen auf die Meta-Ebene.(c) Ali Goldstein/ NETFLIX © 2020 (Ali Goldstein/ NETFLIX © 2020)
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Viele US-Komiker, die uns vor allem aus Sitcoms bekannt sind, erfinden sich in ihren Soloprogrammen neu: Jerry Seinfeld etwa als schalkiger Dandy à la Frank Sinatra. Die großartige Hannah Gadsby sagt indessen die Reaktionen ihres Publikums voraus. Ein Überblick über neue Stand-up-Specials.

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Hannah Gadsby: „Douglas“

Gewitzter Nachschlag, zu sehen auf Netflix

Was für ein Auftritt damals, 2017. Hannah Gadsby führte ihr Publikum in die Irre, servierte ihm erst eine halbe Stunde lang okaye Gags über ihre Erfahrungen als Lesbe in Tasmanien, um dann plötzlich alles in Frage zu stellen. Sie habe, erklärte sie, genug davon, ihr Leben Comedy-gerecht zuzurichten, sie täusche damit nur das Publikum und sich selbst, und dann erzählte sie, was wirklich passiert war. Und das war nicht mehr komisch.

Es sollte ihr letztes Programm sein, kündigte sie konsequenterweise an. Jetzt gibt es doch einen Nachschlag, auch in „Douglas“ begibt sich Gadsby auf die Meta-Ebene – und verrät zu Beginn den genauen Ablauf des Programms und welche Reaktionen sie erwartet. Sophisticated. Genauso wie ihre Ausflüge in die Kunstgeschichte (inklusive Louis C. K. als Putte), ihre Attacke auf die Impf-Gegner im Publikum, die sie auffordert, sich besser nichts anmerken zu lassen („Ihr seid in der Minderheit und die Minderheit ist der Comedy egal“) und ihren Rant über die US-Amerikaner, die „gas“ sagen, wenn sie Benzin meinen, und das sei doch eine Flüssigkeit.

Für Fans von Hannah Gadsby. Allen anderen sei zunächst die Show „Nanette“ ans Herz gelegt, Netflix hat sie immer noch im Angebot. (best)

 

Patton Oswalt: „I Love Everything“

Ein schrulliger Sonderling wird älter, zu sehen auf Netflix

Einem Stand-Up-Comedian folgen heißt an seinem Lebenslauf teilhaben. Gehört die selbstironische Nabelschau doch zum Grundrepertoire des Metiers. Weshalb man als Fan meist nicht nur eine künstlerische Entwicklung begleitet, sondern auch eine persönliche. Im Fall von Patton Oswalt (Österreichern vor allem als Spence aus „King of Queens“ bekannt) geht diese Entwicklung seit längerem in Richtung bequemer Gesetztheit. Früher war der gedrungene Sonderling ein charmanter Botschafter verschrobenen Nerd-Humors. Heute sitzen die Nerds in den Chefsesseln, und Oswalt hat Kind und Kegel samt zugehöriger Sorgen: bewährtes Substrat immergrüner Witze über das Älterwerden, die der 51-Jährige nun vor lässiger Poolhaus-Kulisse mit der Souveränität eines Schauspielveteranen unterbreitet.

Wobei seine Stärke noch immer die Schrulligkeit ist. Ob er nun ein Bio-Müsli mit den „Gedichten eines unbeliebten Teenagers“ vergleicht, tragische Lebensgeschichten für Werbemaskottchen ersinnt oder mit exzentrischen Anspielungen um die Ecke biegt. Alles selbstbescheidend, temperiert und liebevoll, aber mit einem wohldosierten Schuss Abgründigkeit zwischen den Zeilen (inklusive geschickter Balanceakte auf der Schneide der Political Correctness). Löblich: die Idee, dem eigenen Programm das eines unterschätzten Vorbilds anzuhängen. Wobei der zügellose Wahnwitz von Bob Rubins „Oddities and Rarities“ Oswalts ziseliertes Storytelling ziemlich spießig aussehen lässt. (and)

 

Jerry Seinfeld: „23 Hours to Kill“

Die neue Rolle des Sarkasmus-Profis, zu sehen auf Netflix

Inszenierte sich Jerry Seinfeld in seiner Sitcom aus den 90er-Jahren noch als verschlurfter Junggeselle und mäßig erfolgreicher Komiker aus dem Bohème-Milieu, brachten es Ruhm und Reichtum mit sich, dass er seine alte Persona nicht mehr glaubhaft verkörpern konnte. Nach dem Ende von „Seinfeld“ gründete er eine Familie und begann teure Anzüge zu tragen, der Bühne blieb er seit 1998 aber fern – bis jetzt: „23 Hours to Kill“ ist der erste Versuch des Sarkasmus-Profis, seine zuvor nur in Talkshows geschmiedete neue Rolle als schalkiger Dandy in Stand-Up-Form zu bringen. Dafür vollzieht er anfangs eine Art Taufe, indem er in Bond-Manier aus einem Helikopter in den Hudson River springt und als swingender Entertainer im Rampenlicht wiederauftaucht. Bei aller Begeisterung für sein Sinatra-haftes Auftreten fehlt seinen Alltagsbeobachtungen aber oft die Verstiegenheit von früher. Trotzdem sehenswert! (mt)

 

Jimmy O. Yang: „Good Deal“

Über asiatische Stereotype, zu sehen auf Amazon

Mit asiatischen Stereotypen ist Jimmy O. Yang oft konfrontiert – nicht zuletzt, weil manche Fans die Eigenschaften seiner bekanntesten Rolle auf ihn selbst übertragen: In der Comedyserie „Silicon Valley“ spielte der mit 13 Jahren von Hong Kong in die USA immigrierte Schauspieler einen chinesischen App-Entwickler, der mit der englischen Sprache strauchelt, in seiner Hacker-WG Fischabfälle herumliegen lässt und auch sonst allerlei Anpassungsschwierigkeiten hat.

In seinem jüngsten Stand-up-Special widmet Yang sich nun ausgiebig den Vorurteilen, mit denen sich Amerikaner asiatischer Abstammung herumschlagen müssen – nicht ohne selbst einige bewusst zu bekräftigen: Er erzählt vom Vater, der ihm zum Tischtennis-Trainingscamp nach China schickte und nicht hätte stolzer sein können, als er seinen Sohn beim Masturbieren über dem Mathe-Heft erwischte. Von Senioren, die im Park Tai Chi praktizieren und immer nach Schnäppchen jagen – es gehe doch überall im Leben um einen „Good Deal“, so Yang ironisch. Seine Tirade über Handseife (welch unnötiges Zeug!) macht klar, dass das Programm vor Corona aufgenommen wurde. Auch sonst: Keineswegs innovative, aber doch herzige Comedy. (kanu)

 

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