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am Herd

Kleiner Raum

Nein, ich plädiere hier nicht für geteilte Kinderzimmer. Aber jenen Eltern, deren Wohnung wie unsere einen Raum zu wenig hat, kann ich versichern: Es geht auch so.

Hannah ist also ausgezogen. Pünktlich zu Corona. Ihre Möbel wurden geliefert, da kam schon der Lockdown. Wochenlang habe ich sie kaum zu Gesicht bekommen, die Jungen nahmen das mit den Kontaktbeschränkungen ziemlich ernst, aber mittlerweile herrscht zwischen unseren beiden Haushalten ein reger Austausch. Allein diese Woche war Marlene dreimal im neunten Bezirk, sie „besuchte“ dort ihre Schwester, genauer gesagt: Sie zockte dort Skyrim. Und regelmäßig kommen Hannah und ihr Freund zu uns zum Abendessen, und ja, manchmal gebe ich ihnen ein Sackerl Nüsse oder den Prosciutto mit, den ich eigentlich fürs Sonntagsfrühstück gekauft habe.

17 Jahre lang haben Hannah und Marlene ein Zimmer geteilt. Es war keine Entscheidung. Es ging einfach nicht anders. Wie so viele Wohnungen hatte auch unsere einen Raum zu wenig. Wir arbeiteten mit Bücherregalen als Raumteiler, mit Hochbetten und Vorhängen, aber wirklich Privatsphäre hatten die beiden nicht. Wenn Hannah schlafen wollte, musste auch Marlene das Licht abdrehen. Laut Musik gehört wurde nur in gegenseitigem Einverständnis. Wenn einer Gäste hatte, empfing automatisch auch der andere Besuch. Nie konnten sie sich richtig zurückziehen, immer war da jemand. Und wenn eines der Mädchen Liebeskummer hatte, gab es keinen Ort, an dem es unbeobachtet hätte weinen können.


Monster am Klo. Es war schwierig, vor allem für Marlene, die manchmal gerne ihre Ruhe gehabt hätte. Sie war wirklich froh, als Hannah endlich eine Wohnung fand, und dekorierte noch am selben Tag das ganze Zimmer um. Andererseits: Wenn man nie für sich ist, ist man auch nie ganz alleine. Die beiden waren füreinander da, ob nachts auf dem Klo ein Monster zu vertreiben war oder tagsüber die Langeweile. Sie mussten lernen, sich Konflikten zu stellen, es ging ja nicht anders, wohin hätten sie denn ausweichen sollen? Am Ende reichte ein beiläufiges „Ich mache mir Suppe, willst du auch?“ Und alles war wieder gut. Hannah und Marlene lebten miteinander mit, das war blöd, so viel wollten sie voneinander oft gar nicht wissen, aber es war auch gut, so hatten sie Verständnis, wenn die andere schlecht drauf war, sie kannten ja den Grund. Hannah hat erkannt, dass Marlene nicht nur die „Kleine“ war, sondern manchmal ganz schön groß. Und Marlene hat durchschaut, dass auch die ältere Schwester manchmal Trost und Hilfe braucht.

Kann sein, das alles wäre auch so gekommen, hätten die beiden kein Zimmer geteilt. Schwer zu sagen. Aber sicher ist: Sie lieben einander. Und: Ohne Hannah wäre Marlenes Schlafdefizit sehr oft sehr viel größer gewesen.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2020)