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Mit Federn, Haut und Haar

Die menschliche Natur und die liberale Demokratie

Wollen wir gut miteinander zurechtkommen und zeitgleich kreativ die großen Probleme angehen, dürfen wir nicht mehr in die alten ideologischen Wunschbilder flüchten.

Viele fanden Gefallen an einer gefühlten Herrschaft der starken Männer zu Beginn der Coronakrise, bei anderen läuteten dagegen die Alarmglocken. Und manche können sogar dem weltweiten Niedergang der Demokratien und den in den größten Ländern der Erde herrschenden Primitiv-Populisten und Kriminellen noch Positives abgewinnen. Es triumphieren zynisch nationalistische Macht-, Klan- und Konzerninteressen über Gemeinwohl und multilaterale Zusammenarbeit. Man verachtet die Sorge um Klima- und Biodiversität und bringt seine Schäfchen ins Trockene. Grundsätze zur moralischen Verankerung von Politik scheinen obsolet, überleben allenfalls zur Bemäntelung der eigentlichen Absichten. Paradox eigentlich, dass die politischen Debatten – so sie noch stattfinden – immer noch um Begriffe wie „rechts“ und „links“ kreisen; der Kompass der alten Ideologien der letzten Jahrhunderte verliert im neuen Jahrtausend zunehmend an Bedeutung.

Die brennendste Frage angesichts der weltweiten politischen und ökologischen Krise wird selten gestellt, vielleicht, weil man die Antworten fürchtet: Können die Menschen die Biosphäre und sich selbst – sozusagen am eigenen Schopf – aus dem Sumpf ziehen? Das weiß niemand.

Immer mehr aber wissen wir über die Verursacherin dieser Multitrauma-Krise, die komplexe, flexible und konfliktbeladene menschliche Natur, wie sie in einer 500 Millionen Jahre währenden Evolution entstand. Durch die rasanten Entwicklungen in den empirischen Naturwissenschaften wissen wir heute sehr viel mehr über uns selbst als noch vor 50, zehn oder sogar fünf Jahren. Wir verstehen etwa die Grundkonflikte zwischen den Geschlechtern, das ständige Hin und Her zwischen patriarchal-autoritärer Herrschaft und demokratischen Gesellschaften, den ewigen Konflikt zwischen rücksichtslosen Egoismen und dem Bedürfnis nach Gemeinschaft und Kooperation, zwischen mörderischer Aggression und Altruismus, den Urgrund für die sozio-sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder. Erklären können wir heute auch die typisch menschliche Irrationalität zwischen einer überragenden Ratio und alten Verhaltensantrieben. Auflösbar werden diese typisch menschlichen Ambivalenzen nie sein, wir werden schon lernen müssen, besser als bisher damit zu leben.

Wollen wir also gut miteinander zurechtkommen und gleichzeitig kreativ die großen Probleme angehen, dürfen wir nicht mehr in ideologische Wunschbilder flüchten, wie Menschen zu sein hätten. Das hat im Sinne ihrer meist männlich-rationalistischen Urheber nie funktioniert.

Es braucht vielmehr eine Neuorientierung der Politik am Wissen um die menschliche Natur, also daran, was möglichst vielen Menschen guttut und wie die globalen Probleme am ehesten lösbar erscheinen. Eine solche Politik jenseits der spekulativen Wunschbilder zur Verschleierung der eigenen Interessen orientiert sich an den empirischen Fakten. Dem entspricht am besten eine zivilgesellschaftlich getragene, liberale Demokratie. Genauer nachzulesen übrigens in meinem Buch „Mensch“ (2019, Brandstätter) und im weiterführenden Buch „Ist die Menschheit noch zu retten?“ (2020, Residenz). Zu beantworten ist diese Frage nicht, wagen kann man aber wissensbasierte Szenarien.

Kurt Kotrschal, Verhaltensbiologe i. R. Uni Wien, Wolf Science Center Vet-Med-Uni Wien, Sprecher der AG Wildtiere/Forum Wissenschaft & Umwelt.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2020)