Schnellauswahl
Morgenglosse

Ignoriert, geduldet, verharmlost: Die versteckte Diskriminierung im Alltag

AUSTRIA-US-POLITICS-RACE-PROTEST
Weltweit gehen derzeit Millionen Menschen auf die Straße, um ein Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung im Alltag zu setzen.APA/AFP/JOE KLAMAR
  • Drucken
  • Kommentieren

Diskriminierung hat viele Facetten. Die plumpe Abwertung ist dabei leichter zu ertragen als die subtile.

Man kann alles übertreiben. Selbst die Wahrnehmung von Diskriminierung. Mit einem ausländischen Namen gefragt zu werden, woher man stammt, muss nicht unsensibel sein, sondern kann auch aus Zuneigung erfolgen. Ebenso wie das ausführliche Besprechen des Griechenland-Urlaubs mit einem griechischstämmigen Kollegen. Oder der Klassiker: Zu erwähnen, dass die eigene Schwester mit einem Araber verheiratet ist, nachdem sich das Gegenüber als Syrer vorstellt.

Solche Aussagen mögen manchmal deplatziert sein, fallen aber nicht zwangsläufig in die Kategorie absichtliche oder gleichgültige Herabwürdigung. Diese Differenzierung ist wichtig, um echte Diskriminierung im Alltag, die von der Umgebung meist nicht erkannt, ignoriert oder verharmlost wird, umso glaubwürdiger zu benennen.

Darunter fällt etwa das nicht richtige Aussprechen des Namens eines Kollegen, obwohl man schon seit Jahren zusammenarbeitet. Ein Verhalten, das Ignoranz und mangelndes Feingefühl offenbart. Als könnte es irgendjemandem egal sein, dass sein Name falsch ausgesprochen wird.

Ein anderes Beispiel: In einer Gruppe wird die Politik von Erdoğan kritisiert und der Türkischstämmige in der Runde soll erklären, wie sich in Österreich lebende Türken mit jemandem wie Erdoğan solidarisieren können. Sie müssten doch den Unterschied zwischen Meinungsfreiheit und Unterdrückung kennen? Was stimmt also nicht mit ihnen? Taktlose Aufdringlichkeiten, um jemanden in Verlegenheit zu bringen und sich besser zu fühlen. Bewusst oder unbewusst.

Diese Art der Abwertung ist oft schwieriger zu ertragen als unverhohlene Beleidigungen. Weil man sich nicht wehren kann, ohne Gefahr zu laufen, als überempfindlich zu gelten. Ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen. Ohne Kollegen zu verunsichern und dazu zu bringen, deine Gegenwart zu meiden.

Für nicht Betroffene muss sich das anhören wie der seltene Dialekt einer Sprache, die sie nicht sprechen. Sie zu erlernen ist unmöglich. Man muss mit ihr aufgewachsen sein.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com

(Die Presse)