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„Die Coronakrise ist ein Weckruf für viele KMU“

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Digitalisierungsministerin Margarete Schramböck will den Technologieschub nutzen und die Digitalisierung vorantreiben. Sie plant eine eigene KI-Strategie und unterstützt Start-ups.

Frau Ministerin, die Coronakrise hat dazu geführt, dass Digitalisierung zum noch größeren Thema wurde. Wird diese Krise der Digitalisierung einen Schub geben?

Die Coronakrise ist ein wahrer Digitalisierungsschub für unsere Gesellschaft. Unser Leben hat sich durch das Coronavirus radikal verändert. Homeoffice oder auch Homeschooling sind Alltag geworden. Wir sehen auch, dass Unternehmen, die im E-Commerce tätig sind, krisenfester sind. Die Coronakrise ist also ein Weckruf für viele Klein- und Mittelbetriebe, in Zukunft stärker auf Digitalisierung zu setzen.
 
Sie haben die Initiative Digital Team Österreich ins Leben gerufen und bitten IT-Unternehmen, KMU ihre Services sechs Monate gratis zur Verfügung zu stellen. Wie war die Reaktion der IT-Unternehmen darauf und wie nehmen es die KMU an?

Viele Unternehmen haben in der aktuellen Krise auf Homeoffice umgestellt. Die notwendigen digitalen Werkzeuge sind bei zahlreichen Unternehmen jedoch nicht verfügbar. Daher habe ich das Digital Team Österreich gegründet, bei dem große Unternehmen die kleinen und mittleren Unternehmen unterstützen. Binnen kürzester Zeit haben sich 100 Unternehmen mit 113 verschiedenen Services gemeldet. Dieses breite Angebot wird von zahlreichen KMU genutzt.
 
Was wird diese Initiative langfristig bringen?

Mir war es wichtig, rasch eine Initiative zu starten, sodass unsere KMU digital weiterarbeiten können. Die Anbieter bieten ihre digitalen Services mindestens drei Monate an. Einige stellen ihre Leistungen sogar für bis zu sechs Monate zur Verfügung. Diese Initiative ist also für die Krise gedacht.

Bei internationalen Studien liegt Österreich beim Thema Digitalisierung meist nur im Mittelfeld. Wie wollen Sie Österreich bei der Digitalisierung nach vorn bringen?

Mehr denn je ist Digitalisierung ein Schlüssel zu Wachstum und Beschäftigung. Wir wollen die digitale Kompetenz in Österreich in Summe heben. Dafür haben wir als ersten Schritt die Plattform „Fit For Internet“ gegründet, die unterschiedliche Zielgruppen anspricht. Hier ist uns ein Schulterschluss mit der Wirtschaft gelungen. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: In dem sogenannten „Café Digital“ können sich Ältere einschulen lassen. Andererseits haben wir für Unternehmen und Mitarbeiter mit der Plattform auch den digitalen Self Check entwickelt. Dieser beruht auf dem europäischen Kompetenzrahmen und ermöglicht kostenlos zu testen, wie gut die Kompetenz in den unterschiedlichen Bereichen der Digitalisierung eigentlich ist. Dieser Self Check steht bis Sommer zur Verfügung. Der nächste Schritt ist dann, auf der Plattform gratis Kurse anzubieten. Nach dem Check schlägt die Plattform einen Onlinekurs vor. Gerade für mittelständische Unternehmen ist das ein gutes Mittel zur Weiterbildung. Viele Geschäftsführer oder Eigentümer sagen, wir wissen, dass wir etwas tun sollten aber wir wissen nicht in welche Richtung.
 
Soll das zu einer echten Ausbildung werden?

Da geht es um Weiterbildung, um das Heben von Kompetenzen im täglichen Umgang mit Digitalisierung. Was beim Thema Ausbildung eine ganz wichtige Rolle spielt, ist die Lehre. Die Lehrausbildung ist bei mir angesiedelt und wir überarbeiten nun schrittweise alle Lehrberufe gemeinsam mit den Sozialpartnern. Ziel ist es, dass jeder Lehrberuf digitale Inhalte hat. Der Maurer wurde zum Hochbauspezialisten und hat nun Building Information und Modelling mit dabei. Deshalb war mir die Reform des Berufsausbildungsgesetzes so wichtig. Die Berufe sind teilweise komplett veraltet. Der Dachdecker zum Beispiel ist zum letzten Mal 1973 überarbeitet worden. Künftig müssen die Lehrberufe alle fünf Jahre umfassend analysiert und weiterentwickelt werden. Dadurch soll sichergestellt sein, dass alle Ausbildungsinhalte dem Stand der technischen Entwicklung und den wirtschaftlichen Anforderungen entsprechen.
 
Sie haben auch begonnen, digitale Lehrberufe zu schaffen. Welche Berufe gibt es schon?

Ja. Wir haben schon mehrere hundert Lehrlinge in diesen digitalen Lehrberufen. Wir haben Coderin und Coder, da lernt man Programmieren, wir haben den E-Commerce-Kaufmann und -Kauffrau und wir haben den Experten und die Expertin für digitale Netze sowie für Internet der Dinge und für Machine to Machine geschaffen.
 
Sie haben eine österreichische KI-Strategie angekündigt. Wie sieht dafür der Plan aus?

Der Plan ist, zuerst einmal einen Plan zu haben. Wir müssen uns ansehen, welche Projekte Österreich im Bereich KI in eine Schlüsselposition bringen. Einiges passiert schon. So gibt es in Oberösterreich den Artificial-Intelligence-Lehrstuhl, auch die WU will einen Schwerpunkt auf dieses Thema legen. Sicherlich spielt auch Datenanalyse eine wichtige Rolle, da ist Graz sehr gut. Diese Institute holen wir gemeinsam mit Unternehmen an einen Tisch, um zu erarbeiten, was für die Unternehmen getan werden kann, wie KI in der Verwaltung oder auch in der Gesundheit helfen kann. Sofern wir bedingt durch die Coronakrise wieder Veranstaltungen durchführen können, werden wir die Ergebnisse bei den Technologiegesprächen in Alpbach vorstellen. Wir dürfen uns beim Thema KI nicht kleiner machen, als wir sind. Nehmen wir das Beispiel Voice Processing. Sepp Hochreiter vom Institut für Bioinformatik an der Universität Linz war federführend in der Entwicklung dieser Technologie, die heute für Siri und Alexa verwendet wird.
 
Sie fordern, dass Europa in der Digitalisierung ganz vorn sein müsse. Ihr Ziel ist es, dass Österreich aufholt. Aber ist es überhaupt möglich aufzuholen? Schließlich entwickeln sich Länder wie die USA ja auch ständig weiter.

Die USA ist im B2C sehr weit vorn mit ihren Googles und Facebooks dieser Welt. Aber die Coronakrise war ein Weckruf für ganz Europa. Wir brauchen eine Renaissance der Industrie in Europa, um autark von anderen Kontinenten zu sein. Im Rahmen von Digital Europe werden dafür Milliarden zur Verfügung gestellt. In der Industrie ist das Rennen um die Vorherrschaft in der Digitalisierung noch nicht gelaufen. Deshalb machen wir die Industriepolitik in den nächsten Monaten parallel mit der KI-Strategie zu Schwerpunktthemen. Gerade jetzt muss Europa in Schlüsselindustrien vorn dabei sein. Ein gutes Beispiel sind Life Sciences. Österreich ist in diesem Bereich ganz weit vorn. Auch im Halbleiterbereich sind wir mit Infineon führend. Ich sehe ganz viele Chancen. Und hier müssen wir auch die mittelständischen Unternehmen abholen. Meine Priorität liegt klar beim Mittelstand. Um die Leitbetriebe brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Die Leitbetriebe signalisieren mir aber auch, dass wir den Mittelstand mitnehmen müssen, weil wir sonst nicht schnell genug wachsen können. Dafür haben wir uns die Innovation Hubs einfallen lassen, um diese Entwicklung zu unterstützen. Aber ich würde mir auch mehr Start-ups im B2B-Bereich wünschen.
 
Wie konkret können die Innovation Hubs denn die mittelständischen Unternehmen unterstützen?

Die Innovation Hubs sind eine Anlaufstelle für mittelständische Unternehmen für Ihre Digitalisierungsprojekte. Diese Hubs beraten, wenn ein Unternehmen beispielsweise 3D-Printing in seinem Geschäftsmodell anwenden möchte. Der Innovation Hub hilft bei Fragen, wie das Geschäftsmodell aussehen kann, wo es dazu Hilfe findet und vernetzt es mit anderen Hubs in der ganzen Welt. So sollen die Unternehmen Zugang zu einem weltweiten Netzwerk bekommen.
 
Wie viel investieren Sie in diese Innovation Hubs?

Drei Millionen Euro pro Jahr für den Anfang. Die ersten drei Standorte wurden im Sommer 2019 ausgewählt. Das Digital Innovation Hub Ostösterreich und das Digital Makers Hub haben ihre Arbeit mit 1. September aufgenommen, das Digital Innovation Hub Westösterreich im Oktober. Wir sehen, dass es hier viel Nachfrage gibt und sich viele KMU beraten lassen.
 
Sie wünschen sich mehr Start-ups im B2B-Bereich. Wie wollen Sie die Start-ups unterstützen? Die tun sich ja in der Coronakrise gerade besonders schwer.

Zur Unterstützung von Gründung und Aufbau innovativer Unternehmen kommen seit vielen Jahren monetäre Frühphasenförderungen im Rahmen der AWS Seed-Förderung zum Einsatz. Speziell für die Coronakrise haben wir viele unterschiedliche Möglichkeiten geschaffen, um Unternehmen, die kleinen wie die großen, zu unterstützen, die von der Krise stark betroffen sind. So können auch Start-ups Kurzarbeit beantragen und vom Härtefallfonds profitieren. Außerdem können Kreditraten bei aws und FFG gestundet und Meilensteine flexibel gehandhabt werden. Neben diesen Maßnahmen werden wir nun auch einen Private Venture Capital Fonds sowie einen Covid-Start-up-Hilfsfonds zur Verfügung stellen. Beim Venture Capital Fonds wird Private Equity in Höhe von 50 Prozent durch eine staatliche Garantie besichert. Beim Covid-Start-up-Hilfsfonds erhalten die Unternehmen einen im Erfolgsfall rückzahlbaren Zuschuss bei gleichem privaten Investment.