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Beredtes Schweigen

Justin Trudeau schwieg eine Ewigkeit von 21 Sekunden zur Frage über die Proteste beim großen Nachbarn. Er nahm sich Wittgenstein zum Vorbild: „Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen."

Es lärmt und dröhnt, es hallt und schallt. Allenthalben ertönt ein Soundtrack, der uns umwölkt und umfängt. Keine Ruhe, keine Besinnung, nur unablässiger Wortschwall. Wir haben das Schweigen verlernt, die Philosophen sind aus der Mode gekommen.

Schon die alten Römer waren uneins. „Wer schweigt, stimmt zu“, lautete ein Grundsatz im Senat. Boëthius, ein zu Unrecht in Vergessenheit geratener Staatsmann, hielt dem entgegen: „Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben.“ Später hieß es im Volksmund: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Ingmar Bergman drehte den Film „Das Schweigen“, Anthony Hopkins gab in „Das Schweigen der Lämmer“ den intellektuellen Kannibalen. Und Ludwig Wittgenstein kam zur Erkenntnis: „Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“

Justin Trudeau nahm sich dies zu Herzen. Auf die Frage nach den Protesten beim großen Nachbarn schwieg Kanadas Premier eine Ewigkeit von 21 Sekunden. Ein beredtes Schweigen. Zweimal setzte er zur Antwort an, ehe er sich zu einer diplomatischen Floskel durchrang. Mit Boëthius nahm es ein schlimmes Ende: Unter Theoderich – einem Wüterich? – wurde er hingerichtet. Dieses Schicksal wird Trudeau erspart bleiben, obwohl der Wüterich im Weißen Haus den Nachbarn die Armee vor die Nase setzt.