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Callisti: "Wofür ein neues Kleid kaufen?"

Porträt: Martina Müller
Porträt: Martina MüllerChris Tauber Romieri
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Obwohl Martina Müller Umsatzeinbußen von bis zu 60 Prozent spürt, bleibt sie zuversichtlich.

2007 gründete Martina Müller ihr Label „Callisti“ und öffnete zeitgleich ihr erstes Geschäft in Wien. Die Designerin hat Ready-to-Wear-Mode und eine Couture-Linie im Sortiment.

Wie gehen Sie mit der derzeitigen Situation um? 

Zurückhaltend, abwartend, beobachtend. Es ist eine schwierige Zeit. Vor allem für uns Selbstständige, Einzelunternehmer und Kleinunternehmer.
Aber man muss durchhalten und natürlich immer positiv bleiben.

Wie kann es in der Mode weitergehen, was wird sich Ihrer Meinung nach verändern?

Im Moment ist es schwer absehbar, wie sich alles weiterentwickeln wird. Mode rückt gerade definitiv in den Hintergrund. Die Leute sind verunsichert. 1,5 Millionen Menschen sind in Kurzarbeit, viele haben ihre Jobs verloren bzw. wissen nicht, wie es weitergehen wird. Man beschäftigt sich im Moment eher mit dem Wesentlichen. Bis vor kurzem war sowieso alles geschlossen. Viele Hochzeiten und Events wurden für dieses Jahr abgesagt. Wofür also ein neues Kleid kaufen? Das trifft die Mode-Branche hart.

Aber: Mittlerweile haben Restaurants aufgesperrt, nach und nach sind wieder kleine und bald etwas größere Events bzw. Zusammenkünfte erlaubt. Ich hoffe darauf und glaube daran, dass das auch die Lust der Leute steigert, sich ein tolles Kleid für ein Dinner oder einen speziellen Anlass zu kaufen.

Geschäfte dürfen jetzt wieder offen halten, ist das eine Erleichterung? Können Sie schon abschätzen, wie sich die Situation entwickelt? Wie steht es um Öffnungszeiten, Umsatz, Kundenzuspruch?

Es ist grundsätzlich eine Erleichterung, aber wenn dann kaum jemand in den Shop kommt, ist das natürlich wieder ernüchternd. Unsere Öffnungszeiten sind die gleichen wie vor der Krise, außerdem haben wir auch nach Terminvereinbarung offen.

Unser Geschäfts-Jahr 2020 hat großartig begonnen. Der Jänner und Februar waren besser als je zuvor. Tolle zukünftige, internationale Projekte waren fixiert und zugesagt. Sogar im März, der normalerweise ein schwacher Monat ist, hatten wir im Geschäft einen unüblich guten Umsatz. Als man uns das Geschäft zugesperrt hat, konnte ich überhaupt nicht glauben, was hier passiert. Eine komplette Wirtschaft zuzudrehen, und das global, ich hätte sowas nie für möglich gehalten...

Seitdem wir wieder aufgesperrt haben, ist das kein Vergleich zu vorher. Aktuell spüren wir Umsatzeinbußen von bis zu 60 Prozent. So kann das Geschäft natürlich nicht lange funktionieren.

Haben Sie einen Onlineshop, wie wichtig ist dieser aktuell und wie hat sich der Kundenzuspruch verändert?

Der Onlineshop ist schon sehr wichtig, da tut sich jetzt natürlich mehr als früher. Wir haben den Masken-Hype im April zum Glück voll mitgenommen, vor allem da ging alles über den Onlineshop. Und das hat uns zumindest kurzfristig über Wasser gehalten.

Was wird besonders gern gekauft?

Im April Masken, Masken, Masken. Jetzt möchte ich die Leute hiermit wieder daran erinnern: Es gibt auch anderes zu tragen als Masken!

Gibt es Modelle, die jetzt besonders gern gekauft werden?

Tages- und Businesskleider werden gekauft. Cocktail- und Abendmode ist natürlich jetzt zweitranging.

Tages / Businesskleid
Tages / BusinesskleidChris Tauber Romieri

Welche Art von Unterstützung würde Ihnen jetzt besonders helfen, bekommen Sie Unterstützung aus einem der Hilfsfonds?

Das, was vom Hilfefonds kommt, war bis jetzt gleich null im Vergleich zu den Fixkosten, die ich zu tragen habe. Die größte Unterstützung ist natürlich, wenn jetzt wieder Leute in den Shop kommen und Kleider kaufen. Denn davon leben wir ja.

Kann die Krise auch eine Chance für eine positive Entwicklung darstellen? Wie könnte dies aussehen?

Positiv ist das Ganze ganz sicher für die Umwelt und die Natur. Einen Gang zurückschalten, entschleunigen, sich wieder auf das Wesentliche besinnen. Das hat schon etwas Gutes. Es ging ja nur noch um Schnelligkeit. Was heute in war, war morgen out. Quantität statt Qualität und in Wahrheit Masse statt Individualismus und Langlebigem. Traurig eigentlich.

Ich fürchte nur, dass das Mindset schnell wieder da sein wird, wo es vorher war, sobald wieder die Normalität eintritt. Schön wäre, den jetzigen Gedanken zu behalten: dass das eigentliche Handwerk wieder mehr in Vordergrund rückt und an Stellenwert gewinnt, und diesen behält. Und das regionale Produkte und nationales Design mehr wertgeschätzt und bewusst mehr unterstützt wird.

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