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Energiebranche am Scheideweg

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Beschleunigt die Corona-Krise die Abkehr von fossilen Brennstoffen und die Hinwendung zu erneuerbaren Energien? Experten sind uneins.

Isolierung von der Außenwelt – das wochenlange Los von 53 Schlüsselkräften von Wien Energie machte Anfang März 2020 Schlagzeilen. In den Schalt- und Steuerungszentralen für die Strom- und Wärmeversorgung verfolgte man das Ziel, das Risiko einer Ansteckung des Virus Sars-Cov-2 zu vermeiden – mit Erfolg. Beim Energieanbieter für rund zwei Millionen Menschen kam es zu keinen nennenswerten Problemen. Die Versorgungssicherheit konnte aufrechterhalten werden.
Was in Österreichs Bundeshauptstadt funktioniert hat, gilt im Wesentlichen für ganz Europa. Energienotstände wurden größtenteils vermieden. Das spricht für eine Branche, die von der Pandemie im Grunde besonders stark betroffen ist. Die weltweit verringerten wirtschaftlichen Aktivitäten samt sinkendem Energieverbrauch haben auf den globalen Energiemärkten deutliche Spuren hinterlassen, abzulesen etwa beim Einbruch der Preise für Öl, Gas, Strom oder CO2-Zertifikate.

Turbulenzen am Strommarkt

Die Folgen sind vermutlich weitreichender und langfristiger Natur. Denn die kurzfristige Krisenfestigkeit der Energiewirtschaft könne laut Experten nicht darüber hinwegtäuschen, dass nun mehr denn je Entscheidungen anstehen, die wegweisend für die Zukunft sind.
Es sind die durch den Wirtschaftseinbruch sinkende Stromnachfrage und der zu bestimmten Zeiten entstehende enorme Stromüberschuss, die für gehörigen Wirbel auf dem Markt sorgt. Die Drosselung der Industrieproduktion hat etwa in Deutschland im März und April dazu geführt, dass am Wochenende zur Mittagszeit rund 4000 Megawatt Strom an Nachfrage fehlten, was der Leistung von vier großen Kernkraftwerken entspricht. Zugleich wurde aufgrund von regulatorischen Vorgaben vorrangig Strom aus Erzeugungsanlagen von erneuerbaren Energien eingespeist.

Anpassung über den Preis

„Die entstehenden Überkapazitäten müssen mit deutlichen Preisabschlägen gehandelt werden, damit sich Abnehmer finden. Strom kann noch nicht in großem Umfang gespeichert werden. Sind die Speicherkapazitäten erschöpft, erfolgt die Anpassung über den Preis“, erläutert Michael Salcher, Head of Energy beim Beratungsunternehmen KPMG. Das Absinken der Strompreise werde zudem durch eine Rückvermarktung befördert. Stromvertriebe, die bereits im Voraus Strom beschafft haben und überschüssige Mengen in den Markt zurückgeben, erhöhen zusätzlich das Angebot. Der Preisdruck nimmt zu und führt im Extremfall an den Strombörsen zu sogenannten negativen Preisen. In dieser Umkehrung des Normalfalls zahlt der Stromerzeuger an den Abnehmer Geld. „Unsere Szenarien zeigen, dass aufgrund der aktuellen Situation ein signifikant höherer Anstieg negativer Preise eintreten wird“, sagt Tim Steinert, Senior Consultant beim energiewirtschaftlichen Beratungshaus Enervis.

Prekär könnte diese Situation für industrielle Großkunden werden, die sich am Terminmarkt für 2020 feste Mengen an Energie zu festen Preisen gesichert haben. Wer den bestellten Strom wegen seines reduzierten Verbrauchs nicht abnehmen kann, muss ihn selbst wiederverkaufen – und das bei den gegenwärtigen Preisen mit gravierendem Verlust. Auf der anderen Seite bieten sich aus dem Preisverfall aber auch mittelfristige Chancen, wie Wolfgang Hahn, Geschäftsführer des Energieberaters ECG, in einem Interview mit dem Handelsblatt kürzlich betonte: „Viele Unternehmen decken sich für 2021, 2022 und 2023 mit günstigen Preisen ein. Das Momentum sollte man nutzen, nicht nur für Strom, sondern auch für Gas.“ Seinen Kunden rät Hahn jetzt einzukaufen, denn „wenn die Krise vorbei ist, werden auch die Preise auf dem Terminmarkt wieder steigen“.

Endzeitszenario für die Fossilen?

Nahezu beispiellos sind die von der Coronakrise beflügelten Turbulenzen auf dem Weltölmarkt. Für Furore sorgten Mitte April Rohölpreise an der New Yorker Börse von vier Dollar für ein Barrel (159 Liter) der US-Referenzsorte WTI. Der niedrigste Stand seit Aufnahme des Handels mit Terminkontrakten im Jahr 1983 führte – analog zum Strommarkt – zu negativen Preisen, bei denen der Verkäufer den Kunden dafür bezahlt, damit dieser ihm das Produkt abnimmt. Experten sehen darin ein potenzielles Menetekel für die Ölindustrie. „Förderprojekte können auf dem aktuellen Ölpreisniveau nicht mehr profitabel betrieben werden. Ich erwarte eine deutliche Veränderung der Unternehmenslandkarte. Wenn die Entwicklung sich weiter so fortsetzt, wird der Niedergang der weltweit tätigen Ölunternehmen beispiellos“, sagt KPMG-Energieexperte Salcher.

Kritisches Jahr für Kohlekraftwerke

Auch für Kohlekraftwerke wird 2020 zu einem kritischen Jahr, wenn es nach den Experten des britischen Think Tank Carbon Tracker geht. Untersucht wurden jüngst die Einnahmen und Ausgaben von 95 Prozent aller weltweiten Kohlekraftwerke. Das Ergebnis der Analyse: Die Ausgaben werden bei 46 Prozent aller laufenden Werke die Einnahmen übersteigen. In Europa werden nach Berechnungen von Carbon Tracker 62 Prozent aller Kohlekraftwerke 2020 Verluste machen.
Die Conclusio von Carbon Tracker Managing Director Matthew Gray fällt eindeutig aus: „Der Bau neuer Kohlekraftwerke und die Unterstützung existierender Kraftwerke durch Subventionen bedeuten eine enorme Geldverschwendung. Angesichts der erforderlichen Milliardeninvestitionen in die Wirtschaft und der Schaffung neuer Jobs sollten Regierungen einen nachhaltigen Wiederaufbau anstreben, indem sie Kohlekraftwerke schließen und die Mittel für erneuerbare Energien einsetzen.“ Gray beruft sich dabei auf eine weitere hauseigene Analyse, wonach in allen großen Märkten die Installation regenerativer Energieanlagen günstiger kommt als der Weiterbetrieb von Kohlemeilern.

Wende: Beschleunigt oder verschoben?

Die Auswirkungen der Covid-19-Krise auf die globale Energiewirtschaft steht auch im Fokus der Global Energy Review 2020 der Internationalen Energieagentur IEA. Auf Basis von Erhebungen aus dem Frühjahr wurde ein Szenario für das Gesamtjahr 2020 entworfen, wonach die weltweite Energienachfrage prozentual gesehen den größten Rückgang seit 70 Jahren erlebt. Die Reduktion der globalen CO2-Emissionen soll die größte jemals innerhalb eines Jahres erreichte werden, mehr als sechsmal größer als die bisherige Rekordreduktion im Jahr nach der Finanzkrise 2008 und doppelt so groß wie die Summe aller bisherigen Reduktionen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Betroffen von der nachlassenden Nachfrage nach Energie sind laut IEA alle fossilen Brennstoffe (Öl, Kohle, Gas) sowie die Kernenergie. Im Gegensatz dazu prophezeien die Studienautoren den Erneuerbaren Energieträgern einen signifikanten Bedeutungsanstieg. So könnten diese, vor allem Solar- und Windenergie, 2020 um fünf Prozent wachsen und dann rund 30 Prozent des weltweit rückläufigen Strombedarfs ausmachen – eine Prognose, die von anderen Experten allerdings in Zweifel gezogen wird.

So rechnen etwa Analysten von Bloomberg New Energy Finance (BNEF) sogar mit gegenteiligen Effekten, davon ausgehend, dass sich durch die Krise der Weltwirtschaft auch milliardenschwere Investitionen in saubere Energie verzögern. Die Folge wäre ein weltweiter Einbruch beim Ausbau von Solar- und Windenergie. Ähnlich sieht es die Berliner Denkfabrik Agora, die kurzfristig von einer „Zurückhaltung bei klimaschutzrelevanten Investitionen“ ausgeht.

Einig sind sich die Experten darin, dass es beim Neustart nach der Krise schlussendlich um eine gesellschaftspolitische Grundsatzentscheidung geht. „Wenn wir aus der Finanzkrise von 2008 irgendetwas gelernt haben, dann, dass wir einen starken Wiederanstieg der Emissionen sehen werden, sobald sich die Wirtschaft erholt – es sei denn, die Investitionswelle zur Wiederankurbelung der Wirtschaft ist auf eine sauberere und widerstandsfähigere Energieinfrastruktur ausgerichtet“, so IEA Executive Director Faith Birol. Größere Investitionen und intelligentere Richtlinien seien notwendig, um die Welt in Richtung einer stabilen erneuerbaren Energiezukunft zu lenken.