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USA: Höhere Inflation soll Aufschwung bringen

(c) Reuters
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Experten revidieren ihre Prognosen nach unten. Die Zahl der Hausverkäufe geht dramatisch zurück. Politiker warnen vor einer neuerlichen Rezession. Und die Notenbank sieht sich mit einem Dilemma konfrontiert.

New York. Die Anhörung wurde im im letzten Moment nach hinten verschoben. Wenn US-Präsident Barack Obama heute Vormittag (Ortszeit in Washington) die beschlossene Finanzreform per Unterschrift zum Gesetz macht, soll die Feststimmung nicht gestört werden. Also wird Ben Bernanke erst am Nachmittag vor dem Kongress auftreten und sich den Abgeordneten stellen. Der zentrale Punkt der Anhörung: Wie will der Notenbankchef eine neuerliche Rezession verhindern?

Denn von dem in den vergangenen Monaten spürbaren Optimismus der US-Wirtschaftsforscher ist nur mehr wenig übrig. Zwar versuchen die offiziellen Stellen zu beruhigen, sie haben ihre Prognosen vorerst nur vorsichtig zurückgeschraubt. Die Notenbank Fed erwartet für heuer ein Wirtschaftswachstum von drei bis 3,5Prozent. Noch vor zwei Monaten war von zumindest 3,7Prozent die Rede.

Die meisten Analysten halten diese Vorgabe mittlerweile für unrealistisch. So zeichnet das Investmenthaus Goldman Sachs ein dramatisches Bild: „Die Nachrichten sind durch die Bank enttäuschend“, heißt es in einer aktuellen Analyse zum Stand der US-Wirtschaft. Im zweiten Quartal habe die Konjunktur im Jahresvergleich bloß um zwei Prozent zugelegt. Für den Rest des Jahres erwartet das Institut ein Plus von 1,5Prozent – einen Wert, der real eine Stagnation bedeutet, weil er von der Inflation aufgefressen wird.

 

Die Angst vor der Inflation

Doch es könnte noch schlimmer kommen. Da der Leitzins bei unter 0,25Prozent liegt, sind der Notenbank die Hände weitgehend gebunden. Eine Reduktion der Zinsen kurbelt laut Lehrbuch die Wirtschaft an, weil Unternehmen das Geld eher investierten als zu sparen. Doch da Bernanke keinen Handlungsspielraum mehr hat, könnte die Fed auf ein bisher als Tabu geltendes Mittel der Geldpolitik zurückgreifen: „kontrollierte“ Inflation.

„Das ist wirksam, um die Wirtschaft anzukurbeln“, glauben die Analysten von Goldman Sachs. Im Gegensatz zur Europäischen Zentralbank ist die Bekämpfung der Teuerung nicht das oberste Ziel der Fed. Deshalb könnte die US-Zentralbank bewusst Geld in den Markt pumpen und hohe Inflation– Experten sprechen von fünf Prozent – zulassen. Möglich wäre das beispielsweise durch den Kauf von Staatsanleihen.

„Es sind nicht mehr viele Kugeln in der Waffe zur Bekämpfung einer neuerlichen Rezession“, warnt der republikanische Abgeordnete Mike Johanns. Er wird Bernanke in der heutigen Anhörung auffordern, seine Geldpolitik auf eine höhere Inflation auszurichten. „Wenn wir das nicht machen, befürchte ich das Schlimmste für 2011“, sagt Johanns.

 

Arbeitslose als Hauptproblem

Die Hoffnung des Politikers: Steigt die Inflation, ist es für Unternehmen weniger lukrativ, Finanzreserven zu horten. Investitionen würden gefördert, Jobs geschaffen. Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit in den USA scheint tatsächlich immer aussichtsloser zu werden. Die Zahl der Amerikaner ohne Job steht seit einem Jahr konstant bei über neun Prozent.

Allerdings: Versucht Bernanke dem drohenden Abschwung tatsächlich mit einer hohen Inflation zu begegnen, würde das ein Novum in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte der USA darstellen. Nicht zuletzt deshalb stand der Notenbankchef diesem Schritt bis zuletzt skeptisch gegenüber. Er befürchtet, dass die Fed an Glaubwürdigkeit verlieren könnte, wenn die Teuerung dauerhaft bei über zwei Prozent liegt. Außerdem: Erzielt die Maßnahme nicht den gewünschten Effekt, würde das reale Wachstum weiter zurückgehen.

 

Chaos am Häusermarkt

Doch die Zeit zum Handeln wird knapp, meinen Experten einhellig. „Der Häusermarkt leidet unter einem furchtbaren Kater“, schreiben die Analysten von Goldman in ihrer aktuellen Analyse. Sie sprechen von einem Rückgang der Hausverkäufe von 30Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für viele Besitzer bedeutet das den Weg in den Privatkonkurs. Sie können ihre Hypothek nicht bedienen und stehen ohne Dach über dem Kopf da, wenn sie keinen Käufer finden.

Eine Beruhigung ist nicht in Sicht: Laut einem monatlich publizierten Index der Vereinigung der Immobilienhändler ist die Stimmung so schlecht wie seit 15Monaten nicht mehr, und mehr als 80Prozent der in der Branche tätigen Unternehmen erwarten eine weitere Verschlechterung.

AUF EINEN BLICK

Heute, Mittwoch, wird US-Notenbankchef Ben Bernanke seine Geldpolitik vor dem Kongress verteidigen. Ein harter Schlagabtausch mit den Politikern ist nicht ausgeschlossen.

Einige Abgeordnete fordern den obersten Banker auf, aggressiver gegen eine Verschlechterung der Wirtschaftslage vorzugehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2010)