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Kolumne zum Tag

Im Schatten des Baums auf dem Parkplatz der anderen

(c) imago images/YAY Images
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Hier werden Bäume gepflanzt. Auf den Parkplätzen.

Wie sehr dem eigenen Geschmack nicht getraut werden darf, ist auch daran zu merken, dass einen nach wochenlanger Konsumabstinenz wallende Blümchenkleider in den Auslagen tatsächlich für einen Moment lang überlegen lassen, ob man so etwas für den Sommer braucht. Wenn schon nicht genau klar ist, wie, wo und in welchem Abstand zu den eigenen Wünschen der Sommer verbracht wird, dann hätte man wenigstens bereits das unpassende Kleid dafür. Also rasch weitergehen und dem Impuls widerstehen.

So leer die Stadt auch war, so lang scheint das schon wieder her. Der Verkehr quält sich durch die Straßen, sämtliche Presslufthämmer des Landes sind im Einsatz, und zwar vor meinem Fenster. Was entsteht denn da, fragt man die Arbeiter, nachdem diese Straße jedes Jahr aufgegraben wird, einmal Wasser, einmal Strom, einmal die Gleise und dann wieder die Gehsteige. Hier werden Bäume gepflanzt, ist die Antwort. Auf den Parkplätzen.

Leere Parkplätze zu finden ist ähnlich selten wie einen leeren Geschirrspüler zu öffnen, der ist garantiert immer voll, mit gewaschenem Geschirr zwar, aber nicht ausgeräumt, und jeder, der ihn versehentlich öffnet, schließt ihn schnell wieder, als hätte er etwas Gruseliges gesehen und stapelt schmutziges Geschirr in die Abwasch. Das ist offenbar eine zutiefst menschliche Abwehrtechnik, ebenso wie das Gefühl, kein richtiger Autofahrer zu sein, da man das Auto nur benützt, wenn schwere, wichtige Dinge transportiert werden (Fußballtore, Weinkisten), die anderen aber sinnlos die Stadt verstopfen. Und auf meinem Parkplatz stehen.

Insofern ist es egal, ob hier das Auto der anderen steht oder gleich ein Baum, der die Straße, die im Sommer glüht, vielleicht ein wenig kühler macht und stiller, auf jeden Fall aber schöner. In seinem Schatten werde ich sitzen, und nichts wird besser dazu passen als dieses Sommerkleid mit seinen Blüten.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2020)