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Andacht: Das Familiengrab der Jellineks auf dem Zentralfriedhof. Mercedes starb 1929 in Wien.
Andacht

Besuch mit Mercedes bei Frau Mercedes

Stimmung auf dem Zentralfriedhof: Besuch mit Weltrekord-Mercedes.

Dem Herrn Jellinek war ein ordentlicher Motor immer sehr wichtig, quasi die Hauptsache, und weil er ein bedeutender Mann mit vielen Kontakten war, bekam er 1898 von Daimler den ersten Vierzylinder der Marke, acht PS stark, ausgeliefert. Emil Jellinek, Österreich-Ungar, lebte zu der Zeit in Nizza, handelte mit Automobilen und fuhr Rennen, um deren Qualitäten unter Beweis zu stellen. Dafür leiht er sich den Namen seiner 1889 in Wien geborenen Tochter als Pseudonym: Mercédès.

(c) Juergen Skarwan

Jellinek macht den Herrschaften in Stuttgart, vor allem dem Daimler-Konstrukteur Wilhelm Maybach, unmissverständlich klar, was gefragt ist: mehr Power. Er bekommt das Geforderte Ende 1900, und dieses unerhörte 35 PS starke Auto nennt er Mercedes. Damit gewinnt er in den Folgejahren die prestigeträchtigen Rennen rund um Nizza und das Interesse einer kaufkräftigen Klientel. Die Dinge kommen in Schwung, der neue Markenname wird eingetragen.

Mercedes Jellinek, und damit sind wir bei unserem Besuch auf dem Wiener Zentralfriedhof, führt zunächst ein bürgerliches Leben, heiratet in Nizza einen Wiener Baron namens Schlosser, und bricht dann aus, aber unglücklich: Ihre große Liebe, ein Wiener Bildhauer, stirbt früh, und auch sie wird keine 40 Jahre alt. Beigesetzt ist sie im Familiengrab der Jellineks in Wien Simmering, kurioserweise mit einem falschen Geburtsdatum (1899 statt 1889) auf dem Grabstein.

(c) Juergen Skarwan

Wir fanden es passend, Frau Mercedes mit einem Fahrzeug zu besuchen, das zumindest ihrem Vater gut gefallen hätte (sie selbst besaß nie ein Auto): Es wird vom stärksten Vierzylinder der Welt angetrieben. Das muss man einmal so stehen lassen. Freilich kommen die drei Buchstaben der gepflegten Leistungssteigerung ins Spiel: AMG. Die Performance-Tochter des Hauses hat auf dem Gebiet schon einige Medaillen gesammelt, aber der Zweiliter-Turbo muss als Meisterstück gelten. Während es Tunern und Renningenieuren wenig Mühe bereitet, aus kleinem Hubraum Leistungstornados zu entfesseln, so müssen sie auf Haltbarkeit und Alltagsmanieren keine Rücksicht nehmen. Was sich Mercedes nicht erlauben kann: Das Ding muss halten und sich zivilisiert gebaren. Der imposante Twin-Scroll-Lader mit bis zu 2,1 bar Druck ist direkt hinter der Spritzwand untergebracht, man glaubt förmlich, seine Hitze nach scharfer Fahrt zu spüren. Der Frontantriebsplattform muss natürlich Allrad helfen, die maximal 421 PS und 500 Nm zu erden, was virtuos gelang. Je nach Einstellung des Set-ups lässt sich der Charakter auch Richtung Heckantrieb deuten. Unerbittliche Traktion, überragende Bremsleistung, Lenkpräzisionen, wie man sie in der Klasse nicht kannte: Im hübschen Layout des Shooting Brake schlagen sich zur irren Performance hohe Haltungsnoten und echter Nutzwert dazu, um preislich auch noch Supercars zu beschämen. „Chapeau!“, würde Herr Emil sagen. (tiv)

Spiegelbild unserer Seele: Wir passieren das Ehrengrab von Manfred Deix.
Spiegelbild unserer Seele: Wir passieren das Ehrengrab von Manfred Deix.(c) Juergen Skarwan

(c) Juergen Skarwan

Literleistungs-Weltrekordler

155 Kilowatt Leistung pro Liter Hubraum: Das gab's bislang nur bei Rennmotoren – Weltrekord, als Shooting Brake besonders hübsch verpackt.

Name: Mercedes-AMG CLA 45S S. B.
Preis: 76.910 Euro
Antrieb: R4-Zylinder-Turbo, 1991 ccm
Leistung: 421 PS bei 6750/min
Gewicht: 1705 kg
0-100 km/h: in 4,0 Sekunden
Verbrauch:  10,2 l/100 km im Test

("Die Presse - Fahrstil", Print-Ausgabe,13.06.2020)