Gegenseitiges Anschwärzen

Macht uns die Krise zu Denunzianten?

Im Schatten der Coronakrise scheinen viele Menschen den inneren Ordnungshüter in sich zu entdecken. Was macht die Freude am gegenseitigen Anschwärzen so groß? Und wie wirkt sie sich auf eine Gesellschaft aus?

Während Corona und der Zeit danach schien die Stunde für sie zu schlagen: für die vielen selbsternannten Ordnungshüter, die plötzlich in der Gesellschaft aufblühten, für Mitmenschen, die sich gezwungen sahen, zu Denunzianten zu mutieren. Findet in der Wohnung nebenan gerade eine unerlaubte Feier statt? Verschafft sich die Nachbarin mit ihrem Kind Zutritt zum gesperrten Spielplatz? Sitzen die zwei Personen auf der Parkbank zu nah beieinander? Von einer Kultur des gegenseitigen Anschwärzens ist die Rede, einem Wiedererwachen des Denunzianten-Ungeists. Aber ist das wirklich so, bringen Krisenzeiten wie diese verstärkt Denunzianten hervor?

Es sei zwar ein menschliches Phänomen, das einen das ganze Leben lang begleite, erklärt der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller. Es beginne ja schon im Kindergarten oder in der Schule, wenn man andere bei höheren Instanzen - in dem Fall bei Kindergärtnern oder Lehrern - verpetzt. Allerdings böten Zeiten wie diese, in denen die bisher geltenden Normen infrage gestellt werden, einen Nährboden für Denunziantentum. Und würden ihn auch fördern: „Wenn autoritäre Züge eingeführt werden und autoritäre Strukturen zunehmen, wenn es vermehrt zu Vorschriften und Geboten kommt, dann nimmt das Denunziantentum zweifelsohne zu“, bestätigt er.

Anonyme Anzeigen, Hinweise an die Polizei, Menschen, die ihre Nachbarn und Mitmenschen bespitzeln und bei vermeintlichen Verstößen verklagen - Verantwortliche geben oft an, soziale Sorge zu tragen und sich um das Allgemeinwohl der Gesellschaft zu sorgen. Doch die Gründe für das Beobachten und Aufzeigen von Fehlern der anderen sieht der Psychiater meist woanders.