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Honda Africa Twin Adv.Sports

Diesseits von Afrika

Kraftfahrzeugmuseum Sigmundsherberg: MACK-Truck im Hintergrund, der neueste Scheunenfund.
Kraftfahrzeugmuseum Sigmundsherberg: MACK-Truck im Hintergrund, der neueste Scheunenfund.Kraftfahrzeugmuseum Sigmundsherberg: MACK-Truck im Hintergrund, der neueste Scheunenfund. (c) Juergen Skarwan
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Sigmundsherberg statt Senegal, das kleine Abenteuer.

Warum diese Art von Motorrädern zunehmend  so gefragt ist, ist schnell erklärt: Die Biker werden tendenziell älter, und wenn man nicht mehr 25 ist, mag man sich nicht mehr so bücken über dem Tank und will nicht mehr, dass einem der Fahrtwind den behelmten Schädel hin- und herbeutelt. War damals alles kein Thema. Jetzt aber schon. Nach 30 Jahren im Sattel kann man sich's also ruhig eingestehen: Dass man gern hoch und aufrecht sitzt, dass man das Windschild schon gewohnheitsmäßig steil anstellt, damit es maximal wirkt, und dass man sich bevorzugt in der unteren Hälfte des Drehzahlbands aufhält. Wobei es schon überraschend war, dass man dann auch noch das Kuppeln und Schalten bleiben lassen kann, ohne sich in seinen Rechten als mündiger Biker beschnitten zu fühlen. Aber der Reihe nach.

Das Genre, von dem die Rede ist, heißt Reiseenduro, und das Bike, auf dem wir es vermessen, heißt Africa Twin. Den Namen kennt man aus früheren Jahren, wohl auch diese recht unverwechselbare Statur mit forschem Doppelscheinwerfer: Die erste Africa Twin (1990 bis 2003) zählt zu Hondas großem Fuhrpark an Klassikern.

2016 hielt man die Zeit für ein Revival gekommen, diesmal mit einem Liter Hubraum und so ziemlich allem, was Honda in der Zwischenzeit so entwickelt hat. Das jüngste Aufgebot macht die Adventure Sports, die noch treffsicherer auf das eingangs geschilderte Zielgruppenbedürfnis zugespitzt ist. Im Vergleich zur Standard-Twin trägt sie einen größeren Aufbau an der Front und ein breiteres Windschild, sieht etwas mehr nach verwegenem Wüstenabenteuer aus und ist dabei doch komfortabler – genau, was wir schätzen.

Zudem lässt sich die neue Adventure Sports mit dem elektronischen Fahrwerk von Showa aufrüsten und wenn man schon dieses Modell am oberen Ende des Preisspektrums erwägt, sollte man die 1800 Euro Aufpreis auch nicht scheuen. Die elektronische Regelung von Federn und Dämpfern ist bei einer Enduro mit ihren langen Federwegen, die man sowohl allein als auch zu zweit mit kompletter Expeditions-Bekofferung fahren möchte, noch sinnvoller als anderswo. Erster Effekt: Das Bike hebt und senkt sich bei der Einstellung der Beladung.

Das Bike, mit dem Straßen-Racer sich ins Gelände wagen können – und sollen!

Was es sonst tut, während der Fahrt, geschieht so diskret, dass man es gar nicht merkt, weil einem meistens ja nur auffällt, was fehlt oder unrund ist. Aber man braucht nur eine Vollbremsung auf der Landstraße hinlegen und bewusst beobachten, wie die Federelemente vorn und hinten perfekt zusammenspielen, um ohne Eintauchen und Abheben maximale Bremsleistung zu ermöglichen, während man Fahrbahnschwellen im Reisetempo nehmen kann, ohne sich zur Schonung der Wirbelfugenmasse aus dem Sitz erheben zu müssen (was man instinktiv dann trotzdem tut, aber nur, weil es sich cool anfühlt). Überhaupt gibt es bei der Honda zwei Arten von Leistung: jene des Motors und jene der Rechenzentrale, die mittels eines Sechs-Achsen-Gyroskops haargenau weiß, was gerade geschieht, und die aktiven Komponenten entsprechend beaufschlagt. Man muss sich um all das nicht kümmern und kann gern weiterhin glauben und fühlen, selbst alleiniger Commander-in-Chief zu sein.

Hätten wir zum Beispiel gedacht, wie wenig uns Kupplungs- und Schalthebel abgehen? Braucht man nicht, das DCT schaltet auf eine Weise, die jeden manuellen Eingriff obsolet macht (unter anderem mittels Daten vom Rechner, der wiederum weiß, ob Kurve oder Hügerl gefahren wird).

Dabei kann man dank des schlauen Showa-Fahrwerks wohl auch Wüstenrallye-Etappen sitzend fahren.
Dabei kann man dank des schlauen Showa-Fahrwerks wohl auch Wüstenrallye-Etappen sitzend fahren.(c) Juergen Skarwan

Speziell gilt das fürs Gelände. Nach einem Leben auf der Straße nicht unser bevorzugtes Terrain, zugegeben, aber gerade deswegen: Wie man auf der schweren Maschine als Offroad-Rookie Kunststücke und Manöver üben kann, das ist eine völlig neue Erfahrung. Manche sagen: Die neue Africa Twin sei im Gelände besser als auf der Straße; wir würden resümieren: Sie ist das Bike, auf dem Straßenfahrer endlich diese andere Facette des Motorradfahrens kennenlernen können, ohne sich gleich weh zu tun oder Kompromisse auf dem Asphalt eingehen zu müssen. Und diese Abwechslung sei auch alten Hasen angeraten.

Einer, der brav seine Arbeit verrichtet, ohne speziellen Applaus zu erwarten, ist der Motor. Nun knapp über einen Liter groß und gerade noch dreistellig an PS, zeigt er Honda-typisch keine Schwächen und Makel, bleibt aber halt auch ein wenig charismatischer Parallel-Twin mit leicht rustikalem Betriebsgeräusch. In dem Bereich kann er sich nur schwerlich messen mit dem protzenden 1250er-Boxer der GS, der Musik macht und bei aller Geschmeidigkeit ungehörig anreißt und durchzieht. Man muss das erwähnen, weil die GS Martkführerin ist (nicht nur bei den Reiseenduros, sondern überhaupt). Im Sinn der Artenvielfalt kann und soll aber nicht jeder BMW fahren, darum ist es gut, dass Honda die Africa Twin, speziell die Adventure Sports, so massiv aufgewertet hat und der GS, in Summe aller Eigenschaften, wohl ebenbürtig gegenüberstellt. Es sei neben der Verfeinerung aller Komponenten und ihrer NSA-mäßigen Überwachung durch den allwissenden Zentralrechner das 6,5 Zoll große Display erwähnt, eine passende Benutzeroberfläche für die vielen Tricks und elektronischen Stellschrauben des Bikes. Man kann, muss sich aber nicht darin vertiefen. Die Kommandozentrale am linken Lenkerende zieht Freunde der Vinylscheibe, die keinen Netzwerkadministrator vom Humboldt haben, nicht gerade an, und es dauerte etwas, bis wir unter all den Knöpfen und Schaltern die Blinker auf der Konsole fanden.

(c) Beigestellt

Die Wüste bebt

Adventure Sports als hochgerüstete Reiseenduro mit Zug auf Offroad: Zu schade nur für die Straße!  

Name: ................... Honda Africa Twin Adv.Sports

Preis: ..................... 19.290 Euro

Motor: ................... Parallel-Twin, 1084 ccm

Leistung: ............. 102 PS bei 7500/min

Drehmoment: ..... 105 Nm bei 6250/min

Gewicht:................ 248 kg (mit DCT)

Tankinhalt: .......... 24,8 Liter

Bodenfreiheit: ..... 250 mm

Verbrauch: ............ 4,8 l/100 km laut Norm

CO2: ........... 110 g/km laut Norm

("Die Presse - Fahrstil", Print-Ausgabe,13.06.2020)