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Glaubensfrage

Berge und Glauben

Alpenvereins-Präsident müsste man sein! Keine andere Organisation genießt ähnlich hohes Vertrauen der Bevölkerung. Und die katholische Kirche? Sackt ab.

Andreas Ermacora ist ein beneidenswerter Mann. Jedenfalls hat er eine Respekt abringende Funktion inne. Die Organisation, der er als Präsident vorsteht, genießt unter allen Verbänden und Mitgliederorganisationen das höchste Vertrauen. Der Tiroler ist unbekannt, manche mit der Gnade der frühen Geburt Ausgestattete werden sich noch an dessen Vater Felix Ermacora erinnern, ein Völkerrechtler und langjähriger Nationalratsabgeordneter der ÖVP. Sohn Andreas Ermacora ist seit ein paar Jahren (wie der Vater) Chef des Alpenvereins.

Der also hat im soeben veröffentlichten ersten einschlägigen APA/OGM-Vertrauensindex am besten abgeschnitten, gefolgt von den Naturfreunden, dessen Präsident Andreas Schieder ja ein weithin bekannter Mann mit reichlich politischer Vergangenheit (und auch Zukunft?) ist. Am schlechtesten unter allen abgefragten Verbänden hat der Cartellverband (ÖCV) abgeschnitten, die Vereinigung von 50 katholischen Studentenverbindungen. OGM-Chef Wolfgang Bachmayer bemüht sich um eine Erklärung: Wahrscheinlich liege das schlechte Abschneiden daran, dass der CV als kirchen- und parteinahe Organisation gesehen werde.

Gut, dass sich Politiker und Parteien in der Bevölkerung keiner großen Beliebtheit erfreuen, überrascht nicht. Aber dass jetzt schon eine Nähe zur katholischen Kirche als Grund für schlechte Werte herhalten muss: Ist es schon so weit bergab gegangen mit dieser Institution? Offenbar ja, denn dasselbe OGM-Meinungsforschungsinstitut hat erst im Herbst vergangenen Jahres vor den Vereinen schon das Vertrauen in Institutionen erhoben. Die Polizei war damals der Alpenverein, also auf Platz eins vor Verfassungsgerichtshof und Bundespräsident. Die katholische Kirche fand sich mit einem deutlich negativen Saldo an drittletzter Stelle, noch schlechter als drei Jahre zuvor, sogar noch hinter Regierung und Opposition (schlechter nur noch Versicherungen und, so sorry, Medien).

Binnen weniger Jahrzehnte hat die katholische Kirche einen Großteil ihres Vertrauens völlig verspielt. Bereits die Mehrheit der Österreicher spricht ihr das Misstrauen aus. Die Gründe sind vielfältig, reichen von der unumkehrbar fortgesetzten Entwicklung der Säkularisierung bis hin zum breiten Versagen besonders, was das Mega-Thema (sexueller) Gewalt gegen Kinder und Jugendliche betrifft. Vor diesem Hintergrund wechselt in Österreich bei der am Montag beginnenden Bischofskonferenz nach mehr als zwei Jahrzehnten der Vorsitz. Kardinal Christoph Schönborn zieht sich von diesem Amt zurück. Nach der jüngsten Erklärung der Bischöfe zu Pfingsten, mit der sie positiv überrascht haben, wird es interessant sein zu sehen, ob wir ein weiteres Zeichen eines Neuanfangs erleben werden. Schaden würde er der Kirche nicht zufügen.

dietmar.neuwirth@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2020)