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am Herd

Nah und fern

Ich habe mich mit einem alten Freund getroffen, in einem Café, draußen. Er hat sich immer wieder vorgebeugt, ich habe mich zurückgelehnt, er hat sich entschuldigt.

Manchmal habe ich das Gefühl, alles sei wieder gut. Ich gehe durch die Gassen, vorbei an Hunden und Kindern und eingehängt schlendernden Pärchen, ein paar Ungeduldige drücken sich rasch vorbei, sie haben zu tun, sie werden irgendwo dringend erwartet. Am Würstelstand bestellen die Hungrigen wieder Käsekrainer und Hot Dogs, mit scharfem Senf oder süßem. Noch Ketchup dazu? Die Autos sind zurückgekehrt auf die Straßen, nicht, dass ich sie vermisst hätte, aber auch sie sind: ein Zeichen der Normalität.

Ich treffe heute einen alten Freund, in meinem Stammcafé, es hat die Krise offenbar gut überstanden: Wie in meinen besten Zeiten stürme ich auf ein freies Tischchen zu, sonst schnappt es mir noch jemand vor der Nase weg. Das Lokal ist voll, geschäftige Kellner eilen von Gast zu Gast, fast könnte man vergessen, dass sie Masken tragen. Ich werde einen Apfelstrudel mit Schlag bestellen, so wie früher, es ist der beste in Wien, behaupte ich. Die Sonnenschirme spenden Schatten. Gegenüber sitzt ein Promi und starrt in sein Notebook. Von Ferne dröhnt eine Bohrmaschine, die Baufirmen haben wieder ihre Arbeit aufgenommen wie alle anderen, die Friseure und die Nagelstudios, Reisebüros und die Rosenverkäufer.

Wie schön.

Das Virus ist noch da. Mein Freund verspätet sich, er hat lang einen Parkplatz gesucht, das ist er nicht mehr gewohnt, sagt er. Wir erzählen einander, wie wir die Krise überstanden haben, ihn hat es härter getroffen als mich, viele Wochen war er von Frau und Kind getrennt, er in Wien, sie in New York, jetzt sind sie endlich wieder vereint. Wir reden und reden, er beugt sich vor, ich lehne mich zurück, er beugt sich weiter vor, bemerkt mein Unbehagen, noch bevor ich es tue. „Entschuldige“, sagt er.

Es ist noch da. Das Virus ist noch da, auch wenn wir es zwischenzeitlich vergessen, auch wenn wir Sommerurlaube planen und Herbstferien, die Büros sich langsam füllen und Marlene jetzt am Morgen wieder mit verschlossener Miene Tee mit Milch macht, bevor sie zur Schule aufbricht, Mathe, Bio, Französisch. Es ist noch da und ruft sich immer wieder in Erinnerung, selbst in unbeschwerten Momenten. Dann sehen wir einen Film und wundern uns, dass dort im Zug keiner Maske trägt. Dann treffen wir jemanden im Freien und fragen uns: Wie begrüßen wir uns? Wie viel Abstand sollen wir halten?

Wer hat wie viel Angst?

Mein alter Freund und ich, wir haben uns jedenfalls nicht umarmt zum Abschied. Ich habe gewunken, er hat zurückgewunken, das war ein bisschen kindisch, aber auch schön und ich hoffe, wir werden uns bald wiedersehen.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2020)