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Unterwegs

Wellness-Wahn

Wer der Wellness frönt, fühlt sich wie neu geboren? Nach meiner Erfahrung bleib ich lieber der Alte.

Es muss etwas passieren. Meiner Seele ist nach Baumeln. Meine Sinne wollen umschmeichelt werden, mein Lebensenergiefluss lechzt nach Gleichgewicht, von Kopf bis Fuß. Also fließe ich runter ins oststeirische Thermenland. Keine Wecker läuten dort, sondern tibetanische Klangschalen, die mich in den Alphazustand versetzen (vielleicht macht er mich ja zum Alphatier). Welchem Heilsversprechen soll ich folgen? Hautkontakt mit Kürbiskernen und Vulkanton? Oh ja! Transpersonale Klangtherapie klingt auch verlockend, Holistic Pulsing fast noch mehr – ist mein Körper nämlich erst einmal „in sanfte Schwingungen versetzt“, dann lockern sich „auch tief sitzende seelische Blockaden“. Schöner gilt es heimzukehren, dafür sollen Zuckerrohrpeeling und eine ominöse Diamant-Dermabrasion sorgen. Bei der Ayurveda Body Balance (Sie wissen schon: die drei Grundenergien Vata, Pitta und Kapha) können sich „unverdaute Gefühle in Klarheit lösen“. Klar.

Aber vor dem opulenten Massagemenü versagen dann meine Entscheidungskräfte: Wie soll ich meinen Körper traktieren lassen, mit Kerzen, Kräuterstempel oder Holunderöl? In welche transzendenten Dimensionen entführen mich Lomi Lomi Nui oder Abhyanga mit Shirodhara? Verwirrt rettet sich meine schlichte Natur also zum „weltbesten Wasserspaß“ ins Funbad. Und verzichtet, weil sich die esoterischen Nebel lichten, auch auf die Meditationseinheit.

„Keine Gedanken, einfach Leere“: Das bieten mir schon zu viele Menschen meines Umfelds. Ich fliehe zurück in den grauen Alltag – garantiert die beste Therapie gegen den Wellnesswahn.

karl.gaulhofer@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2020)