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Der Otti

Glückliches Österreich, das einen Otto Schenk hat.

Jede Nation hat ihre Kulturdenkmäler und Heroen, die die Mentalität so selbstverständlich verkörpern und durchdringen, als wären sie schon immer da gewesen. Glückliches Österreich, das einen Otto Schenk hat. Wie sehr er ins Eigentum der Kulturnation übergegangen ist, bezeugt sein Spitzname: „Otti“ nennen ihn nicht nur die Freunde der Josefstadt und der Oper, so nennt ihn halb Wien. Deutschland hat nur Otto und seine „Ottifanten“.

Welch Institution der „Otti“ ist, wie sehr sich E- und U-Kultur in ihm vermengt, offenbart sich in Coronazeiten, da die Theater geschlossen sind und TV-Sender auf die Highlights des Schenk'schen Œuvres zurückgreifen. Im Theatertier, dem Opern-Verführer und begnadeten Vortragskünstler verbindet sich aufs Schönste die Wiener Seele: der Grant, die Koketterie mit dem Tod, die Selbstironie, der jüdische Humor, die Kunst der höheren Blödelei – eine Melange, die zurückreicht in die verwehte Epoche des Vielvölkerstaats.

Wie er Pointen und genialische Einfälle aus dem Ärmel schüttelt, führt er in Interviews vor, die er zur Kunstform macht. Am komischsten vielleicht die Anekdote des 91-jährigen Jungspunds Arik Brauer, der von einem Ausflug der „pubertierenden“ 50-Jährigen im Wienerwald erzählte: Unter Laub verbuddelt, lugt Schenk hervor und fragt: „Welches Jahrhundert haben wir?“ Zeitlos.  (vier)

Reaktionen an: thomas.vieregge@diepresse.com

 

 

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2020)