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Wozu Geld? Einsichten eines Philologen

Für die Abschaffung dessen, was unsere ökonomisch Welt angeblich im Innersten zusammenhält, plädiert der Philologe Eske Bockelmann: „Das Geld“ – ein radikaler Ansatz.

Noch heute weiß niemand zu sagen, was Geld ist“, schreibt Eske Bockelmann in der Einleitung seiner fulminanten Studie. „Zu sagen, Geld wäre dadurch definiert, dass es tut, was es tut, liefert keine Definition, sondern kapituliert davor.“ Dem will er abhelfen. Nichts weniger hat er sich vorgenommen. „Hier sei es endlich dargelegt. Hier wird das Rätsel gelöst“, sagt er ganz unbescheiden.

Geradezu penibel zeigt der Altphilologe, dass der Terminus des Geldes der Moderne vorbehalten ist. Bockelmann historisiert Geld. Für ihn ist außerordentlich wichtig, und das betont er an verschiedenen Stellen immer wieder, dass die „Bedeutung, die das Wort für uns hat, für eine zu halten, die es schon immer gehabt hätte“. Es ist eine Unsitte, alten klassischen Wörtern wie „pecunia“ oder „chrēmata“ einen modernen Begriff des Geldes einfach zu unterstellen. Wir übersetzen nicht sie, wir übersetzen in sie, weisen ihnen unsere Kategorien zu als hätten diese ewige Gültigkeit gehabt. „Noch dem Mittelalter fehlen wie der Begriff und die Vorstellung von Geld so auch der Begriff und die Vorstellung von Wert. Wert gibt es dort nicht,“ schreibt er. „Ein Wort, das diesen Wert bedeuten würde, gibt es bis zur Neuzeit in keiner Sprache.“

 

Blick durch die je eigene Brille

Die herrschende Methode „erklärt umgekehrt, was heute geworden ist, zu dem, was einmal gewesen wäre.“ Wir blicken durch unsere Brille, sind aber sicher, keine aufzuhaben. Wir sehen das, was wir sind, stets mit, weil wir davon nicht absehen können. Über diese retrospektive Kurzsichtigkeit allerdings gibt es keine Reflexion, insbesondere auch nicht in der Wissenschaft. Es fehlt das nötige Bewusstsein. Dagegen hält der Autor fest: „Solange Menschen keinen Begriff und keine Vorstellung davon haben, dass sie mit Geld umgehen, können sie nicht mit Geld umgegangen sein. Womit auch immer sie also bis dahin umgegangen sind, es war nicht Geld.“

Die Rolle von Kauf und Verkauf sind in antiken oder feudalen Gesellschaften immer peripher geblieben, Tausch und Kauf stellten maximal Ergänzungen dar. Der materielle Stoffwechsel wurde anders organisiert als über einen Markt. So gibt es zwar Märkte, aber nicht einen Markt, der alle diese Märkte verbunden hätte, geschweige denn, was wir heute unter Weltmarkt verstehen. Der Großteil der Menschheitsgeschichte kennt kein Geld. Die „Durchsetzungsgeschichte des Geldes“ ist keine unkomplizierte. So wie es uns heute selbstverständlich erscheint, dafür brauchte es Jahrhunderte. „Dass sich an ihre Stelle die Geldverhältnisse setzen, ist ein Abweg, auf den die Historie allein im westlichen Europa gerät“, aber in weiterer Folge die ganze Welt eroberte.

Eske Bockelmann beschreibt den Umschlag so: „An die Stelle persönlicher Abhängigkeiten und Verpflichtungen tritt die unpersönliche Verbindung über Kauf und Verkauf. Stadt und Land und Höfe treten einander nun gegenüber als getrennte und in diesem Sinn freie, nämlich nicht einander verpflichtete Welten.“ „Geld als geläufige Selbstverständlichkeit“ ist ausschließlich modernen Charakters. Geld wurde nicht erfunden, es ist entstanden. „Niemand hat Geld je eingeführt und niemand konnte auch nur auf die Idee kommen, Geld einzuführen: Geld ergibt sich blindlings. Es ergibt sich blindlings, da es dazu als Momentum der hier beschriebenen historischen Verschiebungen kommt. Dass sie umschlagen in dieses unbekannt Neue, vollzieht sich ohne Absicht und ohne dass es jemand auch nur erkannt hätte. Denn wohlgemerkt, Geld entsteht damals so vollständig unerkannt, dass es bis heute niemand vermocht hatte zu erkennen.“ „Das Aufkommen von Geld ist historisch bedingt durch das Abhängig-Werden ganzer Gemeinwesen davon, dass ihre Einwohner voneinander kaufen und einander verkaufen können, was sie kontinuierlich zum Leben brauchen. Es vollzieht sich also ein Umsturz in der Art und Weise, wie Menschen aufeinander angewiesen sind.“

Bockelmann inauguriert Geld als das allmächtige Nichts: Geld ist „nicht nur Schöpfung aus nichts, sondern Schöpfung eines Nichts.“ „Neues Geld entsteht als Forderung, als geschuldete Summe.“ „Geld wird der Inbegriff von allem, was nicht Geld ist: Inbegriff alles wirklich Bestehenden – Inbegriff dieser wirklichen Welt.“ Das Substanzlose erscheint als Substanz: Bockelmann geht noch weiter: Geld hat keine Funktion, Geld ist eine Funktion. „Geld ist nichts als die Funktion, gegen Ware getauscht zu werden: Geld also ist diese Funktion, es hat sie nicht.“

Es gibt genug von allem, aber alles hängt am Geld. „Geld ist nur Geld, indem es als Schranke fungiert. Geld schließt aus von dem, was Geld verschafft, damit es Geld ist, was alles verschaffen kann.“ „Geld ist immer dasselbe Eine, das gesellschaftsweit alle haben und bekommen müssen.“ Wir sind die Subjekte des Geldes: „Aber wo Geld ist, da leben Menschen notwendig in Abhängigkeit davon, dass es als Geld fungiert, und daher sind sie es auch, die seine Funktion ausüben und die selbst in seinem Sinne funktionieren müssen. Sie tun, was Geld zu tun verlangt, sie handeln, wie Geld zu handeln nötigt, sie sind, wie Geld sie zwingt zu sein.“

Der Zwang zum Wachstum ist dem Geld wesentlich. Es muss mehr werden. Weniger geht nicht. Der Komparativ ist dem Geld eingeschrieben, er lässt sich nicht in das Gegenteil kehren. Dewgroth und Entschleunigung sind demnach Illusionen. Es ist das Geld, das diese Welt zusammenhält, aber die Welt zerstört. „Geld ist als solches unersättlich.“ Finanz- und Realkapital sind für Bockelmann keine Widersprüche. Das Geld kommt in der Finanzwirtschaft bloß „ganz zu sich“. „Zwischen dem Markt des einfachsten Geldes und dem Finanzmarkt der Derivate besteht strikte Kontinuität.“ Virtualität ist dem Geld immanent, daher ist eine Rückkehr zu Vollgeld Unsinn. Spekulation kann (wie Wachstum) nicht eingehegt werden. „Geld ist an sich spekulativ.“

Der Band ist insgesamt keine leicht verdauliche Kost, phasenweise ziemlich fordernd und doch nicht überfordernd oder gar weggetreten. Das Werk ist weder akademisch noch hermetisch oder gar esoterisch, sondern in einer sehr gut lesbaren Prosa gehalten. Man spürt das konzentrierte Denken in den Zeilen, die Sorgfalt der Formulierung, die Anstrengung des Begriffs, die Ernsthaftigkeit der Argumentation. Weitgehend unbeeindruckt und unbeeinflusst von anderen Debatten referiert Bockelmann seine Sicht. So gesehen befindet sich der Autor auch jenseits aller gegenwärtigen Diskurse.

Bockelmanns Vorträge wirken in der ersten Lesung durchaus verrückt und sie bleiben es auch in der zweiten. Tatsächlich verrückt er die Perspektive, und schon sieht alles ganz anders aus, als wir es zu denken gewohnt sind, oder besser: wie wir es zu registrieren gelernt haben. Da setzt einer auf Tabula rasa. Alles gerät ins Wanken, nimmt ein radikaler Denker wie dieser Philologe aus Chemnitz sich gängiger Vorurteile an. Was er sich vorgenommen hat, ist nichts weniger als die Abschaffung des Geldes. Darunter macht er es nicht. „Diese Welt, diese schöne Welt – nur ohne Geld kann sie überleben.“ ■

Zum Buch:

Eske Bockelmann

Das Geld

Was es ist, das uns beherrscht. 368 S., geb., € 28,80 (Matthes & Seitz Verlag, Berlin)