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Kombiverkehr

Tiefschlag und neue Chancen

Kombi-Operateure leiden unter einem Rückgang der Schienentransporte.
Kombi-Operateure leiden unter einem Rückgang der Schienentransporte.(c) WienCont
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Die Coronakrise hat den intermodalen Verkehr schwer getroffen. Trotzdem gibt es Hoffnung, dass die Bahn in Zukunft bessere Chancen bekommt, unter anderem mit einem neuen Drehkreuz in Kärnten.

In Sonntagsreden heimst der Transport per Bahn aufgrund seiner Umweltfreundlichkeit immer Anerkennung ein. In der Praxis schaut es anders aus. Hier steht der Schienenweg im Vergleich zur Straße meistens in der Defensive. Und wo es bislang gut lief, schlug jetzt die Coronakrise zu: Dem intermodalen Verkehr setzten der Lockdown und die damit verbundenen Rückgänge beim Transportaufkommen mehr als anderen zu, erzählt Andreas Käfer von CombiNet, dem Netzwerk für kombinierten Verkehr.

 

Geringe Auslastung

Der Hauptgrund: Die Operateure kaufen bei Eisenbahnunternehmen langfristig komplette Züge, um für ihre Kunden Container von den österreichischen Terminals etwa zu den Seehäfen oder vice versa zu transportieren. Damit sind ausreichend Transportkapazität und ein regelmäßiger Fahrplan gesichert. Auch während der Coronakrise standen die Züge täglich oder wöchentlich zur Verfügung und wurden vom Bahnunternehmen verrechnet – aber die Container fehlten. „Die Auslastung der Züge ging rapide zurück, und die Firmen blieben auf den Kosten sitzen“, schildert Käfer die dramatische Situation. Eine Ausnahme bildete lediglich Tirol, wo es aufgrund der Staus an den Grenzen für den Kombiverkehr gut lief. Rabatte der Eisenbahnunternehmen von zehn Prozent hätten den Betroffenen im restlichen Österreich nur wenig geholfen, da die Züge lediglich zur Hälfte oder noch weniger ausgelastet waren, erzählt Käfer. Fazit: Die meisten Firmen sind schwer getroffen, das erste Kombiverkehr–Unternehmen musste vor wenigen Tagen Konkurs anmelden. Auch für die Zukunft ist Käfer eher pessimistisch: „Ich gehe davon aus, dass es auf dem Transportmarkt aufgrund der Überkapazitäten zu einer Deflation kommen wird. Der Straßenverkehr wird dabei gewinnen, weil er deutlich billiger anbieten wird“, fürchtet er. Die im Zuge dieser Entwicklung an die Straße verlorenen Mengen wieder zurückzugewinnen werde einen Kraftakt erfordern. Dabei ist es in der Vergangenheit gut gelaufen. Der kombinierte Verkehr hielt bei den Zuwächsen mit der Straße mit. Das Transportvolumen wurde in den letzten zehn Jahren von rund 20 auf 30 Millionen Tonnen gesteigert. Bei den langen Distanzen, die der intermodale Verkehr bedient, spielen fallweise etwas längere Laufzeiten im Vergleich zur Straße keine Rolle.

Etwas besser lief es in den letzten Wochen im Einzelwagennetzwerk der ÖBB-Tochter Rail Cargo Group (RCG). Konsumgüter, insbesondere Lebensmittel und Hygienepapier, aber auch Bio-Ethanol zur Herstellung von Desinfektionsmittel, wurden verstärkt auf die Schiene verlagert, heißt es auch der Pressestelle.

Im internationalen Verkehr betreibt die RCG hochfrequente Shuttle-Verkehre in europäische Wirtschaftszentren und ist in 15 Ländern präsent. Sie hat aber damit zu kämpfen, dass im europäischen Bahnnetz nach wie vor „Kantönligeist“ herrscht. Im Extremfall benötigt man für jedes nationale Netz eine andere Lokomotive, und oft gelten divergierende Vorschriften. Zeitsparendes Durchfahren wie auf der Straße ist hier noch Utopie. Zusätzlich genießt der Personenverkehr sowohl bei der Förderung als auch bei den Kapazitäten Vorrang gegenüber dem Warentransport. Mit ihrem Engagement bei der europäischen Initiative Rail Freight Forward möchte die RCG die Bedingungen verbessern. Langfristig soll dadurch der Anteil des kombinierten Verkehrs zumindest europaweit auf österreichisches Niveau von rund 30 Prozent gehoben werden.

 

Baltisch-Adriatische Achse

Auch in Österreich gibt es Bestrebungen, die Voraussetzungen für eine stärkere Verlagerung des Warentransportes auf die Schiene zu verbessern. Aktuelles Beispiel: Das Logistik-Center Austria Süd (LCA Süd) möchte den Großverschiebebahnhof Cargo Terminal Villach Süd im Dreiländereck Österreich – Italien – Slowenien zu einer Drehscheibe am Schnittpunkt der Baltisch-Adriatischen Achse und der Tauernachse ausbauen, erzählt Geschäftsführer Udo Tarmann. Man will künftig als Knotenpunkt zwischen Straße und Schiene die Häfen der Oberen Adria mit Süddeutschland, Polen, Tschechien und der Slowakei verbinden.

Trotz Coronakrise liegt das Projekt des Landes Kärnten im Plan: „Der vertragliche Abschluss des Joint Venture mit der ÖBB Infrastruktur AG wird gerade vorbereitet und wir rechnen mit einem Abschluss in den nächsten Wochen“, berichtet Tarmann. Er ist optimistisch, viele Kunden für das neue Logistik-Center zu gewinnen: „Wir befinden uns im Aufbau, sind aber sehr zuversichtlich, dass es sehr zeitnah gelingen wird, Unternehmen für den Standort zu überzeugen.“ Es gibt also auch neue Chancen für den kombinierten Verkehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2020)