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Nordkaukasus: Terror weitet sich immer mehr aus

AP Photo/Russian NTV channel
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Die Gründe für den Terror im Kaukasus sind vielfältig. In Dagestan herrscht ausufernde Korruption, es gibt keine Kontrolle bei der Verteilung von Geldern. Die Wirtschaft ist zerrüttet, die Arbeitslosigkeit sehr hoch.

Wien. Es war etwa vier Uhr, als Bewaffnete in das Wasserkraftwerk Baksansk in der russischen Nordkaukasusrepublik Kabardino-Balkarien eindrangen. Sie töteten zwei Wachmänner und fesselten zwei weitere Mitarbeiter des Kraftwerks. Um 5.20 Uhr explodierten zwei Generatoren, Flammen brachen aus. Nach drei Stunden erst gelang es der Feuerwehr, das Feuer zu löschen. Zurück blieben ein stark beschädigter Maschinenraum und die Gewissheit, dass Extremisten immer mehr dazu übergehen, außer Zivilisten auch Infrastruktureinrichtungen anzugreifen.

 

Radikaler Islam als Halt

Zunächst bekannte sich niemand zum Anschlag, verdächtigt wurden islamistische Untergrundkämpfer. Auf deren Konto gehen bereits zahlreiche Anschläge, unter anderem das Blutbad in der Moskauer U-Bahn im März mit 39 Toten.

Die Täter kamen zuletzt nicht nur aus Tschetschenien, sondern auch aus anderen muslimischen Gebieten Russlands. „Der republikübergreifende radikale Islam ist derzeit das große Problem im gesamten Nordkaukasus“, sagt der Russland-Experte Alexander Rahr zur „Presse“.

Als gefährlichste Region schätzt er die Republik Dagestan ein. Hier vergeht kaum ein Tag ohne Terroranschlag. Rahr meint, die Konzentration der radikalen Islamisten sei hier am stärksten, die Bevölkerung am zugänglichsten für den Wahhabismus, die strikte saudiarabische Form des Islam.

Die Gründe dafür sind vielfältig. In Dagestan herrscht ausufernde Korruption, es gibt keine Kontrolle bei der Verteilung von Geldern. Die Wirtschaft ist zerrüttet, die Arbeitslosigkeit sehr hoch. Arbachan Magomedow, ein dagestanischer Regionalismusforscher spricht von politischer Willkür und Chaos: „Alle Schranken sind verschwunden, es gibt keine Ideologie, Partei, Moral oder Strategie.“ Vor allem jungen Menschen fehle es an Halt, das führe sie zu radikalen Gruppen.

Die Lage in der Republik Kabardino-Balkarien, die im Süden an Georgien und im Osten an die von Georgien abtrünnige Region Nordossetien grenzt, ist ähnlich. Die kleine Republik mit etwa 900.000 Einwohnern, darunter 20 verschiedenen Ethnien, galt dennoch immer als relativ ruhig. Vereinzelte russische Journalisten schätzen sie aber schon seit Längerem als genauso schwierig und gefährlich ein wie Dagestan. Der jüngste Anschlag könnte ein Beweis dafür sein.

 

Tourismus statt Terrorismus

Erst kürzlich hatte der russische Premier Wladimir Putin bei einer Konferenz seiner Partei „Einiges Russland“ das Ende der Extremisten verkündet. Den Erfolg des Kampfes gegen den Extremismus maß er daran, dass in den letzten eineinhalb Jahren 500 Untergrundkämpfer „vernichtet“ worden seien. Weiters kündigte Putin damals einen Kampf gegen die Arbeitslosigkeit im Nordkaukasus an. Man müsse den Tourismus fördern und dort 400.000 neue Arbeitsplätze schaffen.

Der jüngste Anschlag könnte eine Antwort auf diese Ankündigung sein: Das Wasserkraftwerk Baksansk produziert unter anderem den Strom für die „Mineralnyje Wody“ (Mineralwasser) – eine Erholungs- und Tourismusregion mit Kurorten, die auf Heilwasser spezialisiert sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2010)