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Mein Freitag

Langsam, aber gefräßig ziehen sie ihre Spuren

Bei den Schnecken kann ich nicht mitreden. Es gehört zu den besten Dingen des Stadtlebens, dass es die Schnecken nicht leiden können und sich daher auf die Gemüsebeete in den Gärten der Freunde konzentrieren.

Dort heuer angeblich massiver als sonst, und so ziehen sich Schleimspuren über die liebevoll gezogenen Pflänzchen, wenn überhaupt etwas von ihnen übrig geblieben ist.

Bei diesen glitzernden Spuren fällt mir die letzte hautnahe Begegnung mit Nacktschnecken in Opas Garten ein, nach der wir uns das Barfußgehen auf der Wiese abgewöhnten und die Oma es nur mit dem Bimsstein schaffte, die Fußsohle vom Schneckenschleim zu befreien. Wer braucht da noch Aliens zum Gruseln, wenn es orangefarbene Monster im eigenen Garten gibt?

Auch im Bach gab es Angreifer, und nachdem wir ihn durchwatet und Dämme gebaut hatten, klebten Blutegel an den Waden. In der Erinnerung sind sie gefräßig und riesig, wahrscheinlich waren sie nicht größer als zwei Zentimeter. Zog man sie ab, blieb ein Blutstropfen und das Gefühl, einen Angriff gerade noch überlebt zu haben.

Zum Landleben ist eben nicht jeder geeignet, und als mir eine Freundin, die in einer Kleinstadt in Oberösterreich aufgewachsen ist, gesteht, dass sie den Geruch von Erde nicht mag, schwöre ich, dieses dunkle Geheimnis niemals weiterzuerzählen.

Es kommt vielleicht darauf an, woran einen der Geruch erinnert, an den schönsten Moment im Sommer nach einem ausgiebigen Regen etwa oder aber an ein frisch ausgehobenes Grab. So zwiespältig ist es auch mit den Mohnblumen, die bei uns für die wilde Schönheit ungedüngter freier Wiesen und Böschungen stehen und Niemandsland in Gemälde von Monet verwandeln. In englischsprachigen Ländern ist der Klatschmohn das Symbol für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Die aufgewühlten Äcker verwandelten sich nach der Schlacht in glutrote Mohnblumenfelder.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2020)