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Am Herd

Lasst die gestürzten Statuen liegen

Das Denkmal König Leopolds II. in Brüssel wurde beschmiert.
Das Denkmal König Leopolds II. in Brüssel wurde beschmiert.(c) REUTERS (Yves Herman)
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Wann verharrten Sie zuletzt bewundernd vor einem Reiterstandbild? Würden Sie ein Hitler-Denkmal stehen lassen? Über Statuen − und was wir mit ihnen verbinden.

Als Hannah in der Unterstufe war, bereisten wir halb Europa. Mutter und Tochter, immer mit dem Zug, nach Prag und Amsterdam, nach Florenz und Rom, jeweils für ein paar Tage. Wir besuchten das Anne-Frank-Haus und Rembrandts „Nachtwache“, wir schauten in jedes winzige Häuschen des Goldenen Gässchens, vor dem Baptisterium in Florenz studierten wir die Szenen aus dem Alten Testament, und vor der Wölfin auf dem Kapitol erzählte ich Hannah die Geschichte von Romulus und Remus. Es waren schöne Tage.

Vielleicht gibt es Reisende, die von Reiterstandbild zu Reiterstandbild pilgern wie wir von Museum zu Museum. Vielleicht findet sich jemand, der zum Beispiel das Denkmal König Leopolds II. in Brüssel für schön hält.
Aber ich glaube eher nicht.

Dieses Denkmal wurde jüngst beschmiert. Unter der Herrschaft des belgischen Königs wurden nämlich in dessen Privatkolonie Kongo die grausamsten Verbrechen begangen. Und weil nicht nur diese Statue demoliert wurde, sondern auch andere, etwa in den USA, weil also ehemalige Herrscher, Eroberer, Generäle zuletzt immer wieder angemalt, gestürzt oder auch nur in einem Bretterverschlag versteckt wurden, auf dem groß „Racist inside“ stand, tobt jetzt die Debatte um den Bildersturm.

Geschichte? Ich finde, sie wird verkehrt geführt. Sie wird geführt, als handle es sich bei diesen Denkmälern um Kunst. Doch das sind sie nicht. Es sind meist mediokre Auftragsarbeiten, ödes Handwerk der Huldigung. Und sie wird geführt, als gehe es um Geschichte. Dabei geht es um Geschichtsschreibung. Welchen Blick werfen wir auf die Vergangenheit? Wie stehen wir zu ihr? Würden wir eine Hitler-Statue stehen lassen? Ich denke, man kann nachvollziehen, dass etwa Schwarze und Indigene wütend darüber sind, dass auf den Plätzen ihrer Städte immer nur der weiße Teil der Geschichte erzählt wird. Darüber, dass man Menschen ehrt, unter denen ihre Vorfahren gelitten haben.

Ich glaube, dass man eine Statue wie die von Leopold II. maximal zum Anlass für eine kleine Lektion nehmen kann. Aber da hätte ich gern mehr als nur ein Taferl. Vielleicht wäre es am besten, wir ließen die Statue, wie sie zuletzt war: beschmiert. Und die Denkmäler, die gestürzt wurden, blieben liegen. Vielleicht würde dann in zwanzig, fünfzig, hundert Jahren eine Mutter mit ihrer Hannah vorbeikommen und erzählen – von Leopold oder Kolumbus oder einem General der Konföderierten und den weltweiten Aufständen gegen den Rassismus im Jahr 2020. Und wenn Hannah dann fragt, was denn Rassismus sei, wird ihre Mutter kurz Luft holen und sagen: Weißt du, damals . . .

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

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