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Roman

Ein Roman wie eine Oper: Rolando Villazón als Autor

Rolando Villaz´on macht sich Gedanken: über Talent, künstlerisches Schaffen und das Menschsein an sich.
Rolando Villaz´on macht sich Gedanken: über Talent, künstlerisches Schaffen und das Menschsein an sich.(c) Monika Höfler
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Rolando Villazón singt, inszeniert, organisiert – und gut schreiben kann er auch noch. Das beweist sein gelungenes Buch über einen jungen Sänger, „Amadeus auf dem Fahrrad“.

Er entdeckt früh die Liebe zum Theater, wird ein Opernweltstar, tritt als Clown für schwerkranke Kinder auf, inszeniert selbst und wird Chef der Mozartwoche. Was klingt wie ein Roman, ist bloß der Schnelldurchlauf durch Rolando Villazóns Leben. Kein Wunder, dass es diesen zur Schriftstellerei zieht. Das auch noch, könnte man sagen, doch das wäre vorschnell.

In Villazóns drittem Werk geht es – wenig überraschend – um einen jungen Sänger. Wer hier auf eine versteckte Autobiografie tippt, die aus Bescheidenheit als Roman mit einem Icherzähler mit anderem Namen publiziert wurde, irrt. Die Bescheidenheit ist hier keine bloße Pose. Der Icherzähler, Vian Mauer, hat sicher vieles mit Villazón gemein, einschließlich der deutschsprachigen Vorfahren, und ist dennoch nicht er.

Rolando Villazón erzählt die Geschichte eines jungen Mexikaners, der sich schon als Kind für die Oper begeistert – seine Erweckung ist eine Aufführung von „Tristan und Isolde“ in Bayreuth. Vians Entschluss, Sänger zu werden, wird in seiner Familie nicht wohlwollend aufgenommen. Vielmehr versucht sein Vater, ihn von diesem Weg abzubringen, ihm vor Augen zu halten, wie sinnlos das Streben nach einem Leben von und mit der Kunst ist. Tatsächlich schlägt sich Vian als Komparse durch, statt zumindest kleine Rollen zu singen.


Die Selbstzweifel des Künstlers. Es sind die Selbstzweifel, die den jungen Mann beständig zernagen. Die Sätze, die einst der Vater zu ihm gesagt hat und die sich nun in seinem Inneren verselbstständigt haben und ihn langsam, aber stetig zermürben. Viele essenziell künstlerische Fragen werden aufgeworfen. Ist wirklich das Talent das einzig Entscheidende? Setzt sich Qualität immer durch oder doch nur zeitweise, durch Zufall, Glück, Beziehungen? Ist das Scheitern der letztgültige Beweis für mangelndes Talent? Und wie lässt sich das alles aushalten?

Das Buch offenbart auch tiefe Einsichten in künstlerisches Schaffen, etwa wenn der Icherzähler zu Beginn des Buchs bekennt, dass er in Salzburg – seinem Sehnsuchtsort – angelangt ist, sich aber trotzdem kaum vorstellen kann, wie Mozart gelebt hat, weil er schlicht zu wenig darüber weiß: Wissen und Fantasie sind also nicht bloß zwei verschiedene Entitäten, die losgelöst voneinander existieren. Vielmehr bedingt das eine oft das andere. Aber ist das notwendig? Oder ist es besser, sich einfach dem Werk zuzuwenden, wenn wir etwas über dessen Erschaffer erfahren wollen?

Natürlich geschieht ständig etwas in dem Roman. Doch die Handlung ist erstaunlich unwichtig, wie bei einer Oper, die wir oft gesehen haben; bei der wir wissen, was passiert, und dennoch andächtig lauschen, während das Geschehen an uns vorüberzieht, bloße Kulisse dafür, worum es geht: tiefe Gefühle, Verirrung und Verwirrung, das Menschsein per se.

Villazón nimmt seine Leser mit in die Welt der Kunst, Opernliebhaber und Freunde der Stadt Salzburg werden großzügig bedient; wir begegnen den großen Namen wie Daniel Barenboim und Cecilia Bartoli, aber alles bleibt im stimmigen Rahmen des Texts. Villazóns Begeisterung für die Kunst springt über. Mögen ein paar wenige Metaphern etwas plakativ wirken, etwa die zertretene Weinbergschnecke für den unbehausten, geschmähten Künstler oder die herabstürzenden Raben für die Depression, so ist dennoch das, was Villazón aus seinem Thema macht, keinesfalls platt.

Und was hilft gegen die herabstürzenden Raben? Bunte Farben, Zeilen aus Gedichten rezitieren, mit Statuen reden oder mit dem Buchhändler des Vertrauens über die Literatur.

Neu Erschienen

Rolando Villazón
„Amadeus auf dem Fahrrad“


Übersetzt von
Willi Zurbrüggen Rowohlt
416 Seiten
26,90 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2020)