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Polit-Thriller auf Netflix: Wer Kuba eine Grube gräbt . . .

Gael García Bernal als Gerardo Hernández, Kopf einer Verschwörergruppe, die von Florida aus Castro zu Fall bringen will. Regisseur Assayas greift hier die wahre Geschichte der als „Miami Five“ bekannten Agenten auf, die 2001 in den USA zu langen bis lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt wurden.
Gael García Bernal als Gerardo Hernández, Kopf einer Verschwörergruppe, die von Florida aus Castro zu Fall bringen will. Regisseur Assayas greift hier die wahre Geschichte der als „Miami Five“ bekannten Agenten auf, die 2001 in den USA zu langen bis lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt wurden.(c) Netflix
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In „Wasp Network“ verfilmt Olivier Assayas einen Spionage- und Sabotagekrieg zwischen Kuba und den USA als verästelten Thriller. Das gelingt bedingt.

Dass sich die jüngste Arbeit des irrlichternden französischen Autorenfilmers Olivier Assayas („Clouds of Sils Maria“, „Zwischen den Zeilen“) redlich bemühen wird, ihrem brisanten politischen Thema in seiner ganzen widerspenstigen Komplexität gerecht zu werden, macht schon ihre einführende Texteinblendung klar. „Kuba lebt seit 1959 unter einem kommunistischen Regime“, ist da zu lesen. Und: „Es unterliegt einem brutalen Embargo durch die Vereinigten Staaten.“ Aber: „Viele Kubaner entflohen einem autoritären Staat.“ Auf wessen Seite steht der Film nun? Tja . . .

Assayas ist kein Freund vereinfachter Geschichtsbilder mit Helden und Halunken, klaren Kausalketten und eindeutigen Schuldzuweisungen. Das zeigte bereits seine vielbeachtete Miniserie „Carlos – Der Schakal“, das von den Umtrieben des schillernden Linksterroristen Ilich Ramírez Sánchez handelt. Ihre Titelfigur erschien als Spielball im Strudel historischer Kräfte und konkurrierender Machtinteressen.

 

Verschwörung gegen den Castro-Clan

Assayas' neuer Film „Wasp Network“ (der letztes Jahr in Venedig Premiere feierte und seit vergangenem Freitag auf Netflix gestreamt werden kann) teilt mit der Serie „Carlos“ nicht nur den Hauptdarsteller (Édgar Ramírez) und eine spannende Faktenbasis. Auch ästhetisch lassen sich diese beiden Polit-Thriller vergleichen.

„Wasp Network“ beginnt 1990 in Havanna. Der Pilot und Familienvater René (Ramírez) steigt eines schönen Tages in seinen Doppeldecker und düst unter dem Radar des Militärs nach Miami, wo ihm Asyl gewährt wird. Schnell findet er auch Anschluss in der exilkubanischen Community – und einen Job bei der NGO Brothers to the Rescue, die Bootsflüchtlingen aus der Heimat bei der Überfahrt hilft. Hin und wieder queren ihre Flugzeuge dabei auch den kubanischen Luftraum, um subversive Flugblätter abzuwerfen: alles, um den Castro-Clan zu Fall zu bringen.

Und bald wird noch ein weiterer Überläufer am Ufer von Guantanamo angespült. Auch Juan (Wagner Moura) integriert sich schnell, charmiert außerdem die aufgeweckte Ana (Ana de Armas) – und geht mit ihr den Bund der Ehe ein.

Jeder, der mit dem verworrenen Verhältnis zwischen Kuba und den USA vertraut ist, ahnt, dass mehr hinter diesen Vorgängen stecken muss. Trotzdem wird man kalt erwischt, als die Wendepunkte zu purzeln beginnen. Assayas verzichtet auf Vorandeutungen, seine Erzählung wahrt stets ein protokollarisches Pokerface. So entblättert sich ein vielschichtiges Gefüge aus Spionage und Gegenspionage, politischen Aktionen mit kriminellen Ausläufern, Doppelagenten und ausgeklügelten Sabotageakten, die immer weitere Kreise ziehen.

Die Wirklichkeit schreibt bekanntlich die irrsten Geschichten. Assayas versucht, ihnen eine zugkräftige Form zu geben, ohne ihre Mehrdeutigkeit zu schröpfen. Sein Film hüpft zwischen Ländern und Figuren hin und her, überspringt beiläufig längere Zeitstrecken, sucht die Balance zwischen Suspense, Drama und nötigem Kontext. Leider gelingt das nur bedingt. Je länger „Wasp Network“ anhält, desto mehr Fässer schlägt er an, und sein ehrenwerter Anspruch auf eine gründlich ausdifferenzierte Darstellung der verzweigten Ereignisse spießt sich spürbar mit der Bestrebung, mitreißende Unterhaltung zu liefern. Irgendwann droht der Handlungsdrall im Detail- und Perspektivengewühl zu versanden – da hilft auch keine spritzige Montagesequenz à la Martin Scorsese. Und man begreift, warum „Carlos“ fünf Stunden in Anspruch nahm.

 

Emotion dank Penélope Cruz

Die Brüchigkeit von „Wasp Network“ ist auch ein Zeugnis seiner problembehafteten Finanzierung und Produktion, aus denen Assayas keinen Hehl macht. Nach der Venedig-Premiere schnitt er die Erstfassung seines Films sogar ein wenig um, um sie verständlicher zu machen. Umso mehr imponiert das Beharren auf Ambivalenz: Der Dreh in Kuba folgte strengen Auflagen, die gnadenlose Unterdrückung dortiger Demokratiebewegungen wird aber nicht ausgeblendet.

Staatsapparaten aller Art, deren Machenschaften wie Schatten über dem Geschehen hängen, gilt letztlich die Skepsis des Films. Sein Respekt indes Menschen, die inmitten des Sturms ihre Würde wahren. Vor allem Frauen wie Ana. Oder Renés verlassener Partnerin Olga, deren Durchhaltekampf für ein paar emotionale Ausreißer in einer tendenziell doch eher flachen Erzählkurve sorgt – nicht zuletzt dank beherztem Spiel von Penélope Cruz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2020)