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Neues Album

Die Lust am Klang von der Renaissance bis zur Postmoderne

Pianistin Alexandra Sostmann zeigt, was auf einem modernen Konzertflügel alles möglich ist.Uschi Irani
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Die Pianistin Alexandra Sostmann und die Geigerin Arabella
Steinbacher suchen (und finden) auf ihren neuen Alben Verbindungen zwischen Jahrhunderten.

Wer da meint, Klaviermusik müsse so klingen wie eine Rachmaninow-Etüde oder zumindest wie Ludwig van Beethovens „Sturmsonate“, wird mit dieser CD nicht glücklich werden. Wer aber hören möchte, was auf einem modernen Konzertflügel sonst noch alles möglich ist, wird die Neuerscheinung freudig begrüßen. Die Pianistin Alexandra Sostmann hat früheste Beispiele von Musik, die ausdrücklich für Tasteninstrumente komponiert wurde, mit Werken der jüngsten Vergangenheit kombiniert.

Dabei ist ein Stil-Mix entstanden, der vor, sagen wir, 20 oder 25 Jahren noch gar nicht möglich gewesen wäre. Mit den musikalischen Hervorbringungen des postmodernen Zeitalters aber harmonieren Klangexperimente aus dem Frühbarock oder der Spätrenaissance auf ganz wunderbare Weise. Wie sich zeigt, klingt Musik von William Byrd (1542–1623) und Orlando Gibbons (1583–1625), eingebettet in Minimalistisches von John Taverner oder John Adams geradezu progressiv. Zumal dann, wenn eine Interpretin wie Sostmann ihrem Flügel auch geradezu ätherische Glocken-Klänge entlocken kann, wenn es darauf ankommt.

Assoziationen zum Cembalo-Klang

Ihre Kunst, Einzeltöne klar voneinander abzusetzen, aber doch melodische Linien zu gestalten, evoziert hie und da Assoziationen zum Cembalo-Klang, nutzt aber die erweiterten Möglichkeiten zu farblicher Differenzierung virtuos. Auch bewältigt sie den heiklen Übergang von rhythmischer Akkuratesse zu den vom Jazzidiom inspirierten Byrd-Paraphrasen aus der Feder von Markus Horn (*1972) mit Finesse.

Dass sie ihre Klangreise durch die Jahrhunderte unserer Kulturgeschichte einbettet in zwei Ausschnitte aus Johann Sebastian Bachs „Musikalisches Opfer“, ist die Kür des faszinierenden Programms: Hier stellt sich die Frage nach dem rechten Instrument nur insofern, als es gelingen muss, die Vielstimmigkeit in den beiden „Ricercar“ betitelten Stücken so klar und durchhörbar wie möglich zu machen. Dabei bleibt es bewundernswert, wie sogar in dem von König Friedrich II. in einer mephistophelischen Laune bestellten sechsstimmigen Schluss-Stück der CD aus einem theoretischen „Ding der Unmöglichkeit“ in der Praxis herrliche Musik wird.

Arabella Steinbachers acht Jahreszeiten

Apropos Stil-Mischung: Dieser Tage kam auch die jüngste CD der Geigerin Arabella Steinbacher in den Handel (Pentatone): Sie widmet sich mit gradlinig-sicherem Ton Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ und Astor Piazzollas zu diesen als „Doubles“ komponierten „Cuatro Estaciones Porteñas“. Im Verein mit dem Münchner Kammerorchester findet Steinbacher scheinbar aufs Natürlichste ihre Pfade durch alle klimatischen Anfechtungen Vivaldischer Regengüsse und Kälteeinbrüche ebenso wie das rhythmische Dickicht des argentinischen Tango-Meisters.

Alexandra Sostmann: „Bach, Byrd, Gibbons & Contemporary" (TYXart)(Daptone)
Arabella Steinbacher: „Four Seasons“ (Pentatone)
[QINH7]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2020)