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Meidlinger Markt

Vom Politikberater zum Marktstandler

Marktstand Gutes von Hier Juergen Pucher Meidlinger Markt by Akos Burg
Akos Burg
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Jürgen Pucher hat seinem Job als Politikberater aufgegeben und ist jetzt mit seinem „Gut von hier“ Nahversorger im zwölften Wiener Bezirk.

Veganes Bratlfett aus der Steiermark, Lemongrass Gin aus Osttirol oder eine eigens in Wien geröstete Kaffeemischung – anstelle von EU-Geldern, Strategiepapieren und Deadlines. Jürgen Pucher hat, wenn man so will, sein Leben ausgetauscht. Während er heute Lebensmittel von Kleinproduzenten verkauft, hat er sich noch vor einem Jahr mit ganz anderen Dingen beschäftigt.
„Ich war Politikberater, aber nicht im Sinne von Peter Filzmaier, sondern bei einer privaten Firma, die Teil des Bundeskanzleramtes war und öffentliche Dienstleister berät, die mit europäischen Geldern arbeiten“, sagt Pucher in seinem kleinen Marktlokal am Meidlinger Markt. Ziemlich genau zehn Jahre lang hat er das gemacht, zuvor hat der studierte Politikwissenschafter als Journalist gearbeitet.
Dann aber kam sein 40. Geburtstag und relativ zeitgleich sein erstes Kind. „Da hab ich mir gedacht, wenn ich nochmal was anderes machen will, dann muss ich das jetzt machen.“ Dass die neue berufliche Tätigkeit etwas mit Essen und Trinken zu tun haben soll, war ihm bald klar. „Da war ich schon immer affin“. Schon vor der ersten Tochter hatte er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin die Idee einen Online-Shop für spezielle Lebensmittel zu betreiben. Daraus wurde anfangs nichts. Erst als Pucher dann selbst in Elternkarenz war, hat er die Pläne für seine zweite berufliche Laufbahn geschmiedet.

Nur Produkte aus Österreich

Am 8. Mai hat der gebürtige Grazer am Meidlinger Markt das „Gut von hier“ eröffnet. Er versteht sich weniger als Feinkostgeschäft oder Greißlerei als vielmehr als Nahversorger. Das Konzept ist ebenso einfach wie derzeit begehrt: Es gibt ausschließlich Produkte aus Österreich von kleinen Produzenten. Fast alle Produkte sind bio. „Und die, die es nicht sind, können sich die Bio-Zertifizierung nicht leisten.“ Die meisten Betriebe hat er selbst besucht, manche Produzenten kennt er gut.
So gibt es etwa Saft (vom Krispel) und Mehl (Ofner) aus der Steiermark. Bei letzterem war er von der großen Nachfrage überrascht. „Ich spüre den Brotbackboom enorm, ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel Mehl verkaufe.“ Dazu kommen Nudeln aus einer Manufaktur im Burgenland (Werkovits), Reis aus Gerasdorf (Österreis), Milch und Joghurt von einem Bauern aus dem Wienerwald (Aschauer), Schokolade aus einer Wiener Manufaktur (Bitter süß) oder Kaffee aus der Wiener Röstwerkstatt. Die speziell für ihn kreierte Kaffeemischung trägt den Namen seiner Tochter Ella.
Auch Bio-Weine von eher kleinen Weingütern, die er über die Weinhändlerin Lucia Laggner von G'schickte Weine bezieht, hat er im Sortiment. „Der Zahel ist sicher der größte, der ist schon an der Grenze, aber ich wollte einen Wiener Wein haben und für mich ist er der beste.“ Aber auch Bier der 100 Blumen Brauerei in Wien gibt es. „Der hat einen ähnlichen Hintergrund wie ich, kommt aus der Finanzwirtschaft und hat sich selbstständig gemacht.“ Oder aber so spezielle Dinge wie einen (alkoholfreien) Verjus Frizzante oder veganes Bratlfett. Letzteres hat er in einem Wirtshaus in der Steiermark entdeckt, probiert und daraufhin den Wirt überredet, es in Gläsern abzufüllen und bei ihm zu verkaufen. Statt Schweineschmalz wurde Kokosfett verwendet. „Man merkt den Unterschied fast nicht, außer vielleicht, wenn man es direkt nebeneinander kostet.“
Geplant war die Eröffnung des kleinen Geschäfts bereits für März. Dass er das Projekt wegen Corona absagt, kam für ihn nicht in Frage. Im Gegenteil. „Ich hätte ja schon während des Lockdowns öffnen dürfen, weil ich Lebensmittel verkaufe. Aber die Bauarbeiten haben sich verzögert, das Dach zum Beispiel hing an der Grenze fest.“ Bis jetzt laufe es erstaunlich gut. „Wenn es so weiter geht, bin ich zufrieden. Das Ziel war ja, dass es Spaß macht, nicht dass ich reich werde.“

Familiäre Atmosphäre am Markt

Die Atmosphäre am Markt sei gut, es ist generell recht familiär. Sein Nachbar etwa, die Marktbar, „ist Teil meiner Großfamilie“, sagt Pucher. Man hilft sich gegenseitig aus, schickt Kunden weiter. „Der Markt ist lebendig, je später die Stunde, desto mehr ist hier los.“
Er hat den Umstieg nicht bereut. „Ich hatte einfach das dringende Bedürfnis, auch einmal etwas anderes zu machen, als die nächste Research Studie für die Schublade. Ich wollte direkten Kontakt mit Menschen haben.“

Zur Person

Jürgen Pucher war zuvor als Politikberater tätig. Anfang Mai hat er am Meidlinger Markt das kleine Lebensmittelgeschäft Gut von hier eröffnet. Er verkauft ausschließlich österreichische Produkte von kleinen Unternehmen, wie Wein, Bier, Mehl, Saft, Chutneys, Nudeln, Reis oder auch ein veganes Bratlfett.
Gut von hier: Meidlinger Markt 15-20, 1120 Wien, Mo bis Fr 9-18 Uhr, Sa 8-13 Uhr, www.gutvonhier.at