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Risken eliminieren statt reduzieren!

Wieso der Faktor „Treue“ bei der Aids-Bekämpfung eine wesentliche Rolle spielt.

Aus ärztlicher Sicht stellt sich die Frage, ob Armut und Diskriminierung tatsächlich die Hauptgründe für die weltweit 2,7 Millionen HIV-Neuinfektionen pro Jahr sind. Immerhin hat sich im „reichen“ Europa die jährliche Rate an Neuinfektionen seit 2000 wieder mehr als verdoppelt und ist von 44 auf 89 Fälle pro Million Einwohner gestiegen.

Selbstverständlich ist HIV-Positiven wie Aids-Patienten mit Nächstenliebe und Respekt zu begegnen, sie dürfen weder sozial noch beruflich diskriminiert werden. Jeder Aids-Kranke sollte Zugang zu einer angemessenen Therapie bekommen! Doch ist zu bemerken, dass bei der Welt-Aids-Konferenz die Themen „sozialer Ausschluss“ und „Prävention“ in einer Weise vermischt zu werden scheinen, die eher Verwirrung schafft, als dass sie hilfreich für die Bekämpfung der Krankheit ist.

Es ist zwar unbestritten, dass Armut den Zugriff auf Aids-Therapien einschränkt. Auch treibt soziale Not in manchen Gegenden Frauen in die Prostitution. Trotzdem scheint der Faktor Armut bei der Ausbreitung der Krankheit überbewertet. So ist in Afrika eine höhere Prävalenz der Infektion in reicheren Staaten wie Südafrika oder Kenia zu beobachten, und diese macht auch nicht vor den vermögenderen Schichten halt.

Aus epidemiologischer Sicht ist demgegenüber längst erwiesen, dass der Hauptgrund für die Ausbreitung von HIV weltweit ein promiskuitives Sexualverhalten ist. Doch gerade in diesem Punkt wird die Aids-Politik leider allzu oft zu einem ideologischen Schlachtfeld, auf dem das Wohl der Patienten aus dem Blick gerät.


Aids als Sonderfall

Aids scheint nämlich ein epidemiologischer „Sonderfall“ zu sein: Es ist die einzige bevölkerungsmedizinisch relevante, entscheidend von Verhaltensfaktoren beeinflusste Erkrankung, bei der im Rahmen der Prävention kaum auf Verhaltensänderung, sondern vor allem auf Risikominimierung gesetzt wird. Werden Herzinfarktpatienten von Ärzten ohne Umschweife dazu angehalten, sofort mit dem Rauchen aufzuhören und ihre Ernährung grundlegend umzustellen, behilft man sich bei HIV lediglich mit einer „Risikominimierung“ durch die Empfehlung, Kondome zu verwenden, während der Aufruf zu einer grundlegenden Änderung des Sexualverhaltens als „Moralisieren“ gebrandmarkt wird.

Dabei hat nach allen Untersuchungen die Propagierung und Verteilung von Kondomen weltweit nicht zur Senkung der HIV-Prävalenz beigetragen. Dagegen konnte die sogenannte ABC-Kampagne (abstinence, being faithful, condom use), die zentral auf Verhaltensänderung und erst als letzten Ausweg auf Kondome setzt, in Ländern wie Uganda in den 1990er-Jahren überzeugende Erfolge feiern – mit einer Senkung der HIV-Prävalenz in der Bevölkerung von 20 auf 6,7% in 15 Jahren.

Gleichzeitig zeigen Forschungsergebnisse überzeugend, dass die antiretrovirale Dreifachtherapie nicht nur die Aids-Mortalitätsrate entscheidend senkt, sondern auch Neuinfektionen verhindert. Studien untermauern, dass in festen Partnerschaften das Risiko der HIV-Übertragung wesentlich geringer ist als bisher angenommen – wobei der Faktor „Treue“ ausschlaggebend ist.

Die Forschung liefert heute immer mehr Anhaltspunkte dafür, dass mit der Kombination „Verhaltensänderung und antiretrovirale Therapie“ die Ausbreitung von HIV weltweit massiv eingedämmt werden könnte. Warum setzt die internationale Aids-Bekämpfung immer noch hauptsächlich auf Risikominimierung bei riskantem Verhalten statt auf die Eliminierung ebendieses riskanten Verhaltens – wie es etwa bei Tabakkonsum oder Übergewicht schon längst Usus ist?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2010)