Wo bleibt hier das Bilderverbot? Die Karte des osmanischen Piraten und Admirals Piri Reis, entstanden kurz nach der Entdeckung Amerikas, zeigt viele Tiere und andere Wesen.
Geschichte

Islamische Weltsicht: Was die Karten verraten

Sie wirken wie moderne Kunst, trotzen dem Bilderverbot und pfeifen auf Präzision: islamische Landkarten, deren Geschichte Yossef Rapoport in einem prachtvollen Buch erzählt.

Auf den ersten Blick könnte man es für das abstrakte Gemälde eines Picasso-Zeitgenossen halten: diese faszinierend gewellte blaue Form, an der Murmeln entlangzulaufen scheinen, mit Kreisen darin, mit Pfeilen und Dreiecken darauf. Wie bitte, das soll eine Karte sein? Ja, das ist eine Karte. Und keine verfremdete eines Künstlers im 20. Jahrhundert, sondern die eines berühmten Geografen im zehnten. Das blaue Ding: der Persische Golf. Die Kreise sind Inseln.

Die Karte des Persers al-Istachrī passt in keine moderne Schublade. Es ist die Karte eines Geografen, und doch macht sie aus allen Phänomenen – Flüsse, Straßen, Seen – schlichte geometrische Muster. Es geht um Vereinfachung zugunsten leichterer Orientierung, um einprägsame Darstellung, aber auch um ein Bild sinnvoller und schöner Ordnung. Wer weiß, ob diese Zeichnung nicht Bach oder Mozart nähersteht als modernen Landkarten. Hat es auch mit Religion zu tun? So wurden alte islamische Landkarten gern gedeutet, als Ausdruck einer religiösen Weltsicht – allein schon, weil sie nach Süden ausgerichtet sind. Wegen Mekka? Die Ausrichtung nach Süden sei simple Gewohnheit, schreibt der britische Islamwissenschaftler Yossef Rapoport. Diese Karten waren „Führer zu dieser Welt, nicht zum Heil“.