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Filmkritik

„Le daim“: Die Verlockungen des Hirschleders

Georges (Jean Dujardin) filmt seine Heldentaten mit dem Camcorder.
Georges (Jean Dujardin) filmt seine Heldentaten mit dem Camcorder.(c) Filmladen
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Der französische Querfilmer Quentin Dupieux schlägt wieder zu: In seiner vergnüglichen Groteske „Le daim“ wird Jean Dujardin zum Kreuzritter in Jackensachen.

Selbst jene, die sich gegen Objektfetischismus verwehren, haben meist einen Lieblingspullover. Nicht schlimm. Doch wer dazu neigt, seinen Alltag nach diesem Pullover zu richten, sollte ihn besser ein Weilchen im Schrank lassen. Sonst könnte es ihm ergehen wie der Hauptfigur der französischen Filmgroteske „Le daim“. Diese handelt von der Liebe zu den Dingen. Namentlich zu einer ziemlich schmucken Jacke: Hundert Prozent Hirschleder, üppige Fransenverzierung, italienische Herstellung – Modell Buffalo Bill.

Georges (Jean Dujardin) hat nicht viel im Leben. Aber er hat seine Jacke, und seine Jacke hat ihn. Ein Schnäppchen, läppische 8000 Euro. In ihr fühlt er sich unbesiegbar, wie ein Wildwestheld. Sogar sein Traum, ein großer Regisseur zu werden, scheint erreichbar. Doch wie kann seine Einzigartigkeit erstrahlen, wenn es auch andere gibt, die Jacken tragen? So flüstert ihm sein treues Wams ins Ohr. Buchstäblich. Und wer wäre Georges, ihm zu widersprechen?

Versuche, wildfremde Menschen zum bedingungslosen Jackenverzicht zu bekehren, schlagen seltsamerweise fehl. Also setzt Georges – Achtung, Spoiler! – schärfere Maßnahmen. Schleift sich ein Schwert aus einem Ventilatorflügel. Beginnt, Modesünder niederzusäbeln. Und seine Heldentaten mit dem Camcorder aufzuzeichnen. Ein Hirschleder-Highlander auf Kreuzzug in eigener Sache.

Soweit der Plot von „Le daim“. Klingt komisch? Ist Absicht. Denn Quentin Dupieux, schon länger bekannt als French-House-DJ Mr. Oizo, nunmehr auch produktiver Filmemacher, hat sich das Verquere auf die Fahnen geschrieben. Seit seinem Kinomanifest „Rubber“ (2010) drechselt er fleißig surrealistische Miniaturen mit Biss. Die Eigenheiten europäischer Verleihpolitik führten dazu, dass sein letzter Film „Au Poste“ erst vergangenen Dezember bei uns anlief, keine sechs Monate später folgt nun „Le daim“ (hiesiger Titel: „Monsieur Killerstyle“).

 

Subtiles Stilbewusstsein

Es handelt sich um einen kleinen Markstein in Dupieux' Karriere. Langsam wird die Prestige-Liga auf den Regie-Sonderling aufmerksam. Wieder konnte er Stars für eine seiner stets staubtrockenen Grotesken gewinnen: Neben Dujardin ist Adèle Haenel mit von der Partie – als Provinzkellnerin, der Georges' verschrobenes Gebaren imponiert. In Cannes eröffnete „Le daim“ 2019 sogar die renommierte Nebenschiene Quinzaine des Réalisateurs. Ein Ertrag hartnäckigen Arbeitseifers und subtilen Stilbewusstseins (Markenfarbe: Beige). Aber auch ein Zeugnis, dass mehr hinter Dupieux' Filmen steckt als „schräges“ Geblödel.

Klar, ihr Humor gründet nach wie vor auf Buñuel'scher Nonchalance gegenüber abgründigen Absurditäten. Doch „Le daim“ parodiert gezielt männliche Selbstüberschätzung, macht sich lustig über die Rücksichtslosigkeit eingebildeter Künstlernaturen – ein bisschen wie Lars von Triers „The House That Jack Built“, nur kurzweiliger und witziger. Und erinnert am Ende daran, dass kein Geschlecht vor den Verlockungen des Hirschleders gefeit ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2020)