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Studie

Ischgl, Hotspot der Antikörper

Statistisch gesehen hatte von diesen beiden – so es sich bei ihnen um Ischgler handeln sollte – vermutlich einer Kontakt mit dem Virus.
Statistisch gesehen hatte von diesen beiden – so es sich bei ihnen um Ischgler handeln sollte – vermutlich einer Kontakt mit dem Virus.(c) Felix Hörhager/picturedesk.com
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42 Prozent der Ischgler waren mit dem Coronavirus infiziert. Ein höherer Anteil wurde bisher nie per Studie publiziert.

Wien. Für Wolfgang Fleischhacker, den Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck, ist diese Forschungsarbeit eine „Leuchtturmstudie“: Zum ersten Mal sei eine stark betroffene Gemeinde fast gänzlich untersucht worden. Und das unter besonderen Bedingungen: Zum Zeitpunkt der Studie stand Ischgl unter Quarantäne. Die Ergebnisse der Studie der Med-Uni Innsbruck sind erstaunlich: In Ischgl wurde laut den Autoren der bisher höchste Anteil von Menschen mit Antikörpern festgestellt, der bisher in einer Studie nachgewiesen wurde.

 

Testergebnisse

42,4 Prozent der Bevölkerung des Wintersportorts dürften demnach eine Infektion mit dem Coronavirus durchgemacht haben. Das ergab die Studie, bei der auf Antikörper und auf eine aktive Virusinfektion getestet wurde. Nur 15 Prozent der de facto Infizierten waren zuvor bei PCR-Tests positiv getestet worden.

79 Prozent der Ischgler Bevölkerung, also 1473 Probanden (1259 Erwachsene, 214 Kinder) aus 479 Haushalten nahmen an der Studie zwischen 21. und 27. April teil. Durch ein dreistufiges Verfahren liege die Spezifität der Tests bei 100 Prozent. „Es gibt also keine falsch positiven Ergebnisse“, erklärte Studienleiterin Dorothee von Laer vom Institut für Virologie.

Zudem seien die Krankheitsgeschichten mit einem Fragebogen erhoben worden. Der Anteil der seropositiv (Antikörper gegen Sars-CoV-2) Getesteten liege damit etwa sechsmal höher als die Zahl der zuvor mittels PCR-Test positiv Getesteten. Die Rate der offiziell gemeldeten Fälle betrage damit nur 15 Prozent. 85 Prozent wussten also nichts von ihrer Infektion. Davon habe laut Befragung zwar die Hälfte Symptome gehabt – aber diese waren vielfach derart mild, dass sie als Schnupfen abgetan wurden.

 

Herdenimmunität

Trotz der hohen Seroprävalenz könne in Ischgl nicht von einer Herdenimmunität ausgegangen werden. Dafür müssten 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung antikörperpositiv sein. Auch wenn eine dauerhafte Immunität noch nicht erwiesen ist, dürfte die Ischgler Bevölkerung doch zu einem Gutteil geschützt sein, so Dorothee von Laer. Die Konzentration der Antikörper sei zum Teil sehr hoch gewesen. „Man muss nach menschlichem Ermessen davon ausgehen, dass, wenn Antikörper vorhanden sind, auch eine Immunität vorliegt“, meinte von Laer.

 

Fallsterblichkeit

In Ischgl starben zwei Menschen mit oder an dem Coronavirus. Neun Patienten mussten im Krankenhaus versorgt werden, einer davon auf der Intensivstation. Die Fallsterblichkeit des Coronavirus liege damit, zumindest in Ischgl, bei 0,26 Prozent.

 

Kinder

Auffällig war, dass Kinder (unter 18 Jahren) weitaus weniger häufig betroffen waren. Von ihnen wiesen nur etwa 27 Prozent Antikörper auf, beim Großteil der Kinder verlief die Infektion asymptomatisch. Die Kinder waren generell weniger betroffen, aber auch in Haushalten, in denen Bewohner Antikörper aufwiesen, waren Kinder weniger betroffen als Erwachsene, so Dorothee von Laer. Dies könne daran liegen, dass Kinder weniger Kontakt zu Infizierten hatten oder das kindliche Immunsystem anders reagiere, erklärte Epidemiologe Peter Willeit, der die Studie mit internationalen Forschungen in Kontext gestellt hat.

 

Bewertung

In Ischgl wurde die bisher höchste Seroprävalenz, also der höchste Anteil an antikörperpositiven Personen in einer Studie, festgestellt. Das heiße nicht, dass nicht an anderen Orten der Welt, in Brasilien etwa, ein noch höherer Anteil der Bevölkerung mit dem Virus infiziert war, wie von Laer sagt. Aber dazu wurden noch keine Studien publiziert. Anhand der Ergebnisse müsse man jedenfalls davon ausgehen, dass „zumindest ab der zweiten Februarhälfte das Virus schon in Ischgl kursierte“.
Für die Gesamtbevölkerung Österreichs sind diese Ergebnisse freilich nicht repräsentativ. Allerdings bieten Ischgl und diese Studie eine günstige Ausgangslage für weitere Forschungen: So könnte man in einer weiteren Studie mit den positiv Getesteten etwa erforschen, wie lang die Antikörper im Blut bleiben. (ag./cim)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2020)