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Sommerurlaub

Der Ballermann als „Tschernobyl“

Das Virus ist nicht auf Urlaub.
Das Virus ist nicht auf Urlaub.(c) REUTERS (ENRIQUE CALVO)
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Anschober mahnt, Regeln weiter einzuhalten, das Virus bleibe gefährlich und unberechenbar. Arbeitsrechtliche Konsequenzen haben Urlaube kaum.

Wien. Am Freitag in einer Woche beginnen im Osten Österreichs die Sommerferien. Und diese bevorstehende Hauptreisezeit hat Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) für den Appell genutzt, „sich sehr gut zu überlegen, wo und wie wir den Urlaub verbringen“. Reisen ist erlaubt, solle aber „mit Verantwortung genossen“ werden. Schließlich sei das Virus nicht auf Urlaub, „es ist weiter gefährlich und unberechenbar“, das zeige auch die weltweite Rekord-Ausbreitung mit im Schnitt der vergangenen Woche 150.000 Neuinfektionen pro 24 Stunden.
Die Lage in Österreich sei „sehr, sehr stabil“. Aber das könnte sich schnell ändern, so Reise- und Tropenmediziner Herwig Kollaritsch. Vor dem Urlaub müsse jeder selbst prüfen: „Was ist das Reiseziel, ist damit ein Risiko verbunden? Gleichgültig, ob es sich um Caorle, Salzkammergut oder Wien handelt“, mahnte Anschober. Die gelernten Hygiene- und Abstandsmaßnahmen müssen eingehalten und Menschenansammlungen vermieden werden. Mit ins Gepäck gehört auch der Mund-Nasen-Schutz. Mit diesem können laut Kollaritsch 80 Prozent der Infektionen verhindert werden.

„Der sogenannte Ballermann ist das Schlimmste, was man in so einer Situation machen kann“, warnte Anschober. Kollaritsch formulierte noch drastischer: „Meiden Sie Massenveranstaltungen. Der Ballermann ist das Tschernobyl des Epidemiologen.“ Er warnte vor sogenannten Superspreading-Events, bei denen einzelne Infizierte viele anstecken, viele solcher Ereignisse seien reiseassoziiert.

Und: Wer im Ausland erkrankt, dürfe keinesfalls auf eigene Faust zurückreisen, die Gefahr einer Verschleppung sei zu groß. Vor einer Auslandsreise sollte man sich jedenfalls auch mit Reisewarnungen befassen. Neben besonders betroffenen Ländern mit Warnstufe 5 oder 6 gilt weltweit Stufe 4. Das ist auch arbeitsrechtlich relevant: Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP) hat dazu bestätigt: Wer nach einer Reise an Covid erkrankt oder in Quarantäne muss, hat keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen zu befürchten, das Entgelt werde weiter bezahlt. Vorausgesetzt, die Covid-Schutzbestimmungen wurden eingehalten und es gilt Warnstufe 1 bis 4. Bei Stufe 5 oder 6 gebe es im Fall einer Covid-Erkrankung oder Quarantäne keinen Anspruch auf Fortzahlung. Ein Kündigungsgrund sei das aber nicht.

 

Jeder Vierte plant um

Laut einer Umfrage im Auftrag des ÖAMTC hat zumindest jeder vierte Österreicher die Urlaubspläne heuer ohnehin pandemiebedingt verändert: So hat fast jede zweite Familie mit Kindern einen im Ausland geplanten Urlaub ins Inland verlegt. Dennoch sei die Lust am Reisen ungebrochen: Fast drei Viertel planen einen Sommerurlaub, mehr als die Hälfte der Befragten will diesen in Österreich verbringen. Mit dem Flugzeug reisen wollen nur zwölf Prozent. (cim)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2020)