Das Lob dafür, dass ich mich um meine Tochter kümmere, sagt alles: Nie hätte jemand meine Frau gefragt, ob sie das Kind wirklich selber wickle. SAMSTAG, 27. JUNI 2020 DIE PRESSE.COM/SPECTRUM Unser Rollenbild? Wie aus einer Werbung der Fünfzigerjahre.

Bananen, Brei und Baumarkt: Stichwort Väterkarenz

Was heißt da Gleichstellung von Mann und Frau? Männer in Karenz sind nach wie vor exotische Exemplare, was sich schon in der Existenz des Wortes Väterkarenz zeigt. Oder haben Sie je etwas von „Mütterkarenz“ gehört? Meine Tochter und ich: eine Selbsterfahrung.

Karenz ist ein bisschen wie Homeoffice, womit spätestens seit dem vorübergehenden Shutdown Mitte März alle vertraut sind. Man verbringt die meiste Zeit zwischen den eigenen vier Wänden und arbeitet. Ein Unterschied besteht allerdings darin, dass in der Karenz die Beschäftigung mit dem Kind keine lästige Ablenkung von der Erwerbsarbeit ist, sondern der Grund des Daheimbleibens. Und im Gegensatz zur verordneten Quarantäne begibt man sich freiwillig in Karenz.

Genauer gesagt, der Mann geht freiwillig in Karenz, zieht durch ein Spalier ihm zujubelnder oder zumindest anerkennend zunickender Menschen ein, während es bei der Frau umgekehrt ist: Sie geht, wenn überhaupt, freiwillig wieder arbeiten. („Die ist mutig. Hat zwei kleine Kinder und geht schon wieder arbeiten.“) Männer in Karenz sind nach wie vor exotische Exemplare, was durch das Wort „Väterkarenz“ hervorgehoben wird, dessen Pendant, „Mütterkarenz“, im Grunde fehlt.

„Bis heute habe ich immer Windeln getragen. Aber Mama sagt, nun ist es Zeit“, beginnt ein Büchlein, in dem ein kleiner Hase erzählt, wie er lernt, aufs Klo zu gehen. Mama Hase begleitet ihn bei diesem Entwicklungsschritt.

Ein anderes Büchlein – „Ein sooo schöner Tag!“ – berichtet von einem ganz normalen Tag im Leben eines Babys: Beim Aufwachen wird es von Mama begrüßt, dann gefüttert, dann gehen sie gemeinsam einkaufen, bis am Abend Mama die Gute-Nacht-Geschichte vorliest. Vielleicht kommt ja später noch Papa nach Hause. Aber das erfährt man nicht. Es ist auch irrelevant. Denn Babys gehören in den Zuständigkeitsbereich der Mamas.

Ein zugegebenermaßen etwas veraltetes Kinderbuch, das wir auf einem Flohmarkt gekauft haben, trägt den Titel: „Viel Spaß mit Papa“. Ein Vater spielt mit der Tochter im strömenden Regen in der Sandkiste, wirft, umgeben von ausgestreuten Spielsachen, beim Herumtollen die Stehlampe um, im Hintergrund ist eine aufgeschlagene Zeitung und eine abgelegte Brille zu erkennen – er dachte wohl in seiner Naivität, er könne gleichzeitig Zeitung lesen und das Kind betreuen –, dann stopft er einen recht heterogenen Wäscheberg in die Waschmaschine, und vor dem Schlafengehen spielt er noch einmal Verstecken mit der Tochter. Mit Papa kann man einen abenteuerlichen, wilden Tag verbringen – im Mama-Kind-Buch herrscht hingegen Ordnung und heimelige Wärme.

Das Kind wird übrigens vor dem friedlichen Einschlafen gebadet, nachdem es bei schönstem Wetter ruhig und gesittet in der Sandkiste gespielt hat. Mama ist eben der Profi, Papa nur der Aushilfskinderbetreuer, der alles ins Chaos stürzt. Immerhin billiger als ein Babysitter.

Darf man mit Mama keinen Spaß haben? Und: Kann Papa das Kind nicht baden, ihm eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen, es trösten und den Haushalt machen, ohne dass es nach einem wissenschaftlichen Experiment aussieht? Es hat sich natürlich einiges getan. Aber was bis heute bleibt, ist die Sonderstellung eines Vaters, der sich aktiv um sein Kind kümmert.

Auf Asymmetrien dieser Art bin ich während meines Jahres zu Hause mit meiner inzwischen zweijährigen Tochter auch ein Vierteljahrhundert nach Erscheinen dieses Buches gestoßen. So bestaunten etwa Kolleginnen meine gut gelaunte Tochter und fragten nach, ob ich denn auch wirklich selber koche. Eine Bekannte bemerkte beim ersten Ausflug mit dem Kinderwagen durch die Stadt: „Schau an! Der Papa hat ja sogar etwas zum Trinken und Windeln eingepackt!“ Einmal wurden wir sogar dafür bewundert, dass das Baby in Papas Arm ja gar nicht weine.

Der private Raum ist nach wie vor weiblich. Männer, die sich in diesen vorwagen, und zwar hauptberuflich und nicht nur als Samstagsaushilfe oder coronabedingt, werden entweder bestaunt oder verstören. Ich fühle mich auch heute noch mitunter als Eindringling, wenn ich bei der Vorstellrunde der Musikzwerge in einem Kreis von Müttern und Omas sitze und meine Tochter vorstelle, die sich schüchtern an meinen T-Shirt-Zipfel klammert (ehe sie auftaut und sich an die Himbeerreiswaffeln des Buben nebenan heranpirscht). Einmal ertappte ich mich dabei, wie ich fast zu der Rechtfertigung ansetzte, dass meine Frau heute verhindert sei. Der Exotenstatus wird gerade durch das Lob unterstrichen, das ich für das Kümmern um meine Tochter erhalte. Meine Frau wurde schließlich nie gefragt, ob sie denn das Kind wirklich selber wickle und dann auch noch zum Kochen komme. Bei ihr ist das selbstverständlich. Frauen können das eben. Zum ersten Mal spürte ich – als weißer, heterosexueller Mann in Mitteleuropa –, was es heißen kann, sprachlich nicht angesprochen, ja nicht einmal mitgemeint zu sein, als ich mit dem schreienden und stinkenden Baby und der Wickeltasche um die Schulter vor den Toiletten in einem Wiener Café stand: Denn erstens gab es einen Wickeltisch nur auf dem Damen-WC, und zweitens konnte das Piktogramm einer Frau mit Rock, die sich über einen Wickeltisch beugt, schwerlich Männer mitmeinen. Es kostete mich einige Überwindung, doch dann drückte ich die Klinke mit dem Ellbogen hinunter, stieß die Tür mit meinem Oberarm auf und betrat die Damentoilette.

Es geht hier nicht nur um die Frauen – nein, es geht um die Emanzipation der Männer. Trotz aller Beteuerungen von der Gleichstellung von Mann und Frau, die häufig nicht mehr als Lippenbekenntnisse sind, ähnelt das heutige Rollenbild im Wesen immer noch einer Werbung der 1950er-Jahre: Die Frau steht am Herd und wartet auf den jeden Moment eintretenden Gatten, der aus dem Büro eine ordentliche Portion Hunger mitbringen wird.

Frauen, die Kinder haben und arbeiten, werden gerne als „berufstätige Mütter“ etikettiert. Neben ihrer von der Natur (oder von Gott?) zugewiesenen Rolle als Mutter arbeiten sie halt auch noch. Wer aber spricht von den berufstätigen Vätern? Ein Mann mit Kindern wird selten danach gefragt, wie er Beruf und Familie unter einen Hut bringe. Das kann zwei Gründe haben: Entweder ist er tatsächlich nur ein Sonntagspapa – oder man erwartet genau das von ihm, auch wenn er, als moderner Mann, sich längst aktiv in das Familienleben einbringt. Neben seiner Verpflichtung, das Geld nach Hause zu bringen, ist er eben auch noch Vater.

Von Männern wird nach wie vor erwartet, dass sie Handwerker sind und sich für Technik interessieren. Leider mussten meine Frau und ich in jüngster Vergangenheit öfter einen Baumarkt betreten, als mir lieb war. Durch den Umzug und die Geburt unserer Tochter fielen auf einmal Aufgaben an, von denen ich davor bestenfalls aus Erzählungen gehört hatte. Regale waren aufzubauen, Vorhangstangen zu montieren, auszumalen, ja sogar zu spachteln (ein Verb, das bis dahin nicht einmal in meinem passiven Wortschatz vorhanden war).

Bei diesen Besuchen, die wir immer zu zweit (und später dann zu dritt) absolvierten – so wie man den Zahnarztbesuch hinter sich bringt –, betrachteten die Verkäufer (männlich) stets mich als ihren Gesprächspartner und versuchten eines jener Gespräche unter Männern anzubahnen, die mir immer schon unangenehm waren. Einmal schwärmte ein Verkäufer mit leuchtenden Augen von den Funktionen des neuesten Bohrmaschinenmodells und warf dabei mit Begriffen um sich, deren Bedeutungen mir gänzlich unbekannt waren. Er redete ausschließlich mit mir und ignorierte meine Frau, die danebenstand und zuhörte. Dabei versteht sie mehr vom Handwerklichen als ich, der ich in einer Wohnung aufgewachsen bin und dessen Heimwerkertätigkeit sich darauf beschränkte, eine Glühbirne auszuwechseln, und das auch nur, weil ich ab der Pubertät der Größte in der Familie war. Erst nach und nach stellte der Verkäufer enttäuscht fest, dass das kein Gespräch auf Augenhöhe war. Zum Glück aber hatte meine Frau unserem Männergespräch zugehört und konnte mir zu Hause erklären, wie die Bohrmaschine, die wir schließlich kauften, zu bedienen war.

Ich bin stolz darauf, dass ich keine Ahnung habe, wie man Autoreifen wechselt. Und mir reicht es zu wissen, dass der Strom aus der Steckdose kommt. Wie entsteht Licht? Durch das Betätigen des Lichtschalters. Aber das dürfen wir Männer nicht laut sagen, ohne uns bloßzustellen oder zu provozieren. Sogar meine Frau lässt in einigen unemanzipierten Momenten durchklingen, eigentlich sei ich als Mann im Haus für solche Belange zuständig. Könnte ich mich nicht wenigstens fürs Reifenwechseln interessieren? Der Mann ihrer Freundin tue das auch.

Will man als moderner Mann eigentlich noch diese traditionelle und nicht nur frauen-, sondern in diesem Punkt auch explizit männerfeindliche Rolle übernehmen: der Ernährer sein? Reifen wechseln, statt das Kind zu trösten? In Meetings sitzen, statt den ausgespieenen Bananen-Apfel-Brei vom neuen Sofa zu löffeln – und dabei zu sein, wenn der Löffel zum ersten Mal den Mund trifft (auch wenn der gerade geschlossen ist)?

Allerdings bekommen viele Männer gar nicht erst die Chance dazu, auch abseits von Pandemien länger bei ihrem Kind zu bleiben. In nicht wenigen Gesprächen mit Männern meines Alters stellte sich heraus, dass sie gerne in Karenz gehen würden, über den Papamonat hinaus. Und sehr oft bekam ich zu hören, dass ihnen das ihr Arbeitgeber nicht ermögliche, sei es, indem er ihnen offen mitteile, sie hätten um ihren Job zu fürchten, oder indem er ihnen durch die Blume zu verstehen gebe, dass ein Jahr Auszeit für die Karriere nicht gerade förderlich sei.

Wieso ist das kein zum Himmel stinkender Skandal? Wo bleibt der Aufschrei, wenn karenzwillige Männer offen diskriminiert werden? Wann saust endlich die geballte männliche Faust auf die Tischplatte und brüllt es wie aus einer Kehle: Wir lassen uns das nicht länger gefallen?

Leidtragende sind letztlich aber alle drei: Dem Vater wird das Recht genommen, sich aktiv ins Familienleben einzubringen. Während die Mutter des Kindes ein oder mehrere Jahre zu Hause ist, steigen die Männer (die vielleicht gerne bei ihren Kindern wären) und die kinderlosen Frauen (die mitunter als karrieregeil gebrandmarkt werden) in der Zwischenzeit ein paar Sprossen auf der Karriereleiter und ein paar Gehaltsstufen hinauf. Außerdem verliert die Volkswirtschaft gut ausgebildete Frauen an den Herd. Und dann gibt es auch noch das Kind, das ein Recht auf Mama und Papa hat.

Während ich die letzten Absätze Korrektur lese, beschleicht mich ein beklemmendes Gefühl. Nicht, weil ich ein schlechtes Gewissen hätte, während der Quarantäne endlich die Zeit gefunden zu haben, über meine Karenzzeit zu schreiben. Nein: Ich bin in die Falle getappt. Denn diese Zeilen schreibe ich nur, weil ich ein Mann bin. Texte von Frauen über ihre (Mütter-)Karenz sind selten – und wenn, dann heißen sie „Mama-Trickkiste für die Babyzeit“ oder „Kochen, dass es Baby und Mama schmeckt“. Für das Experiment „Mama allein zu Hause mit dem Kind“ werden keine Preise vergeben, wie es einen für den „Spitzenvater des Jahres“ gibt. Dass das auch 2020 der Normalfall ist, beweist die derzeitige Situation, in der es an vorderster Front die Mütter sind, die ihren Laptop mit den Kindern teilen und mit den Lehrern kommunizieren, die Arbeitsblätter ausdrucken und eingescannt wieder zurückschicken, während die Väter an Videokonferenzen teilnehmen. ■

Gábor Fónyad

Geboren 1983 in Wien. Studium der Germanistik und Finno-Ugristik. Lektor für germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Wien, AHS-Lehrer. 2015 erschien sein Roman „Zuerst der Tee“ (Verlag Wortreich).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2020)